Ilse Stenger: Abschied als Kursleiterin

Noch nie Kleidung eingekauft

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Sitzt künftig nur noch privat an der Nähmaschine: Nach 34 Jahren hört Ilse Stenger als Kursleiterin auf.

Offenbach - Beim Nähen macht ihr keiner was vor: Ilse Stenger leitete 34 Jahre lang einen Nähkurs bei der Evangelischen Familien-Bildungsstätte. Einige Frauen waren fast von Anfang an dabei – und lernten viel mehr als „nur“ den Umgang mit Nadel und Faden. Von Veronika Schade

Adrett sieht sie aus mit ihrer Perlenkette und dem wie angegossen sitzenden, violetten Hosenanzug. Natürlich ist er selbst genäht. Kann dies doch kaum jemand besser als Ilse Stenger. „Ich habe noch nie Kleidung im Geschäft gekauft“, gesteht sie lächelnd. Wozu auch. Wenn sie ein Stück Stoff sieht, weiß sie sofort, was damit zu tun ist – eine besondere Begabung, die sich kaum weitergeben lässt. Dafür aber die Fertigkeiten, die zum Nähen notwendig sind. Und das tat sie 34 Jahre lang mit Sorgfalt und Leidenschaft als Kursleiterin bei der Evangelischen Familien-Bildungsstätte in Offenbach.

Doch nun hat sie an der Kirchgasse ihre letzte Nähstunde gehalten. „Es wird von der Gesundheit her Zeit, kürzer zu treten“, sagt die 75-Jährige. Leicht fiel ihr die Entscheidung nicht, im Gegenteil. Denn nicht nur für sie geht damit eine Ära zu Ende. Einige Teilnehmerinnen sind fast von Anfang an dabei. So hat sich der Mittwochskurs über Jahrzehnte zu einer eingeschworenen Gruppe entwickelt. Unternommen haben die Frauen mehr als „nur“ den Umgang mit, Nähmaschine. Nadel und Faden. „Ganz wichtig waren die Kaffeepausen“, berichten Elvira Ulbrich und Renate Hörber schmunzelnd. „Da haben wir Kuchen- und Kochrezepte ausgetauscht. Und viele Lebensweisheiten.“

„Hobbygärtner- und Pflanzenbörse“

Zudem sei der Kurs so etwas wie eine „Hobbygärtner- und Pflanzenbörse“, sie gingen gemeinsam auch mal ins Theater. „Als Neuling wurde man sehr nett aufgenommen“, erzählt Nicole Mante, mit 43 Jahren jüngste Teilnehmerin. Sie schätzt, ebenso wie ihre Kolleginnen, die kleine wöchentliche Auszeit, die der Kurs bedeutet: „Die Zeit hier gehört nur uns. Das genießen wir.“

Die meisten Frauen kamen durch ihre Kinder zum Nähen. Sie wollten ihnen mehr bieten als Kleidung von der Stange, und ein selbstgemachter Teddy erfreut gleich doppelt. So passte sich Stenger den individuellen Bedürfnissen an. „Jede nähte das, was sie gerade brauchte.“ Und die gelernte Herren- und Damenschneiderin stand hilfreich zur Seite. „Ihre Ideen – Wahnsinn! Selbst bei einem kleinen Stoffrest wusste Frau Stenger immer, was man daraus zaubern kann“, schwärmt Ulbrich.

Ob Strampler, Kuscheltiere oder Mäntel, es gibt nichts, was die zweifache Großmutter nicht nähen könnte. „Mir macht keiner was vor“, sagt sie selbstbewusst. Ihr Beruf ist gleichzeitig ihr größtes Hobby. „Ich kann ohne Probleme bis vier Uhr morgens nähen.“ Vor ihrer Zeit als Kursleiterin unterrichtete sie Nähen und das Fach Polytechnik und Werken an Mathilden- und Käthe-Kollwitz-Schule. „Mit den Kindern hat es immer viel Spaß gemacht.“

Mutter und Tochter nähen Brautkleid

Einer der Höhepunkte der Nähkurse war für sie, als eine Mutter gemeinsam mit ihrer Tochter ihr Brautkleid nähte. Auch so manches Tauf- und Tanzstunden-Kleid entstand unter Stengers Aufsicht. Die gebürtige Mecklenburgerin, die seit 1958 in Offenbach lebt, schätzt das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe: „Ich brauche Harmonie. Die gab es immer, obwohl ich viele verschiedene Charaktere unter einen Hut bringen musste.“

Die Frauen berichten, dass „die Chefin“ durchaus streng sein kann: „Aber das Ergebnis ist es immer wert.“ Und noch etwas hat auf die Teilnehmerinnen abgefärbt: „Man wird sehr kritisch, wenn man die Sachen in Geschäften sieht.“ Den Mittwochs-Kurs von Stenger übernimmt Monika Schickling. Die Kolleginnen kennen einander seit 18 Jahren. Doch ganz auf „unsere Frau Stenger“ verzichten müssen die Hobbyschneiderinnen nicht. Künftig wollen sie sich einmal im Monat in den Räumen der Evangelischen Familien-Bildungsstätte treffen. Und gemeinsam nähen, reden, lachen. Das ist bei aller Traurigkeit über ihr Ausscheiden ein kleiner Trost.

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