Im Dienst der kleinen Patienten

Generationenwechsel in Rumpenheimer Kinderarztpraxis

Vorgänger und Nachfolger: Kinderarzt Dr. Matthias Gründler übergibt seine Praxis zum 1. April 2021 an Sohn Tim.
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Vorgänger und Nachfolger: Dr. Matthias Gründler übergibt seine Praxis zum 1. April an Sohn Tim.

Wenn es um Kinder, ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen geht, ist er eine der deutlichsten Stimmen in Offenbach: Der Kinderarzt Dr. Matthias Gründler. In seiner Praxis in Rumpenheim kümmert er sich täglich um seine jungen Patienten, ist Mitbegründer und Mitglied des „Runden Tisches Kinderschutz“, fliegt regelmäßig als Mitglied von Cargo Human Care nach Kenia, um dort Kinder medizinisch zu versorgen, betreut Neugeborene im Kettelerkrankenhaus und Kinder und Jugendliche mit Behinderung im Haus Jona. Nun tritt er in den Ruhestand, sein Sohn Tim übernimmt die Praxis.

Offenbach - Nach 29 Jahren verabschiedet er sich zum 1. April von seiner Praxis. Der 65-Jährige tut dies mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge. Weiß er doch, den bestmöglichen Nachfolger zu haben: seinen Sohn Tim. Für die Patienten ist der Übergang fließend. Der 34-Jährige stand seinem Vater bereits in den vergangenen acht Monaten zur Seite, übernahm viele Aufgaben. „So haben wir uns nochmal von einer anderen Seite neu kennengelernt“, sagen die beiden übereinstimmend.

Kinderarzt zu werden, ist im Falle von Matthias Gründler eine glückliche Fügung. „Ich war kein besonders guter Schüler“, gesteht er. „An Medizin dachte ich eigentlich nie, wollte eher was in Richtung Kameramann oder Journalist werden.“ Während seines Zivildienstes als Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Offenbach wächst die Entscheidung, Arzt zu werden. Nach seiner Approbation 1984 ist er zunächst als Assistenzarzt in der HNO-Abteilung am Caritaskrankenhaus in Saarbrücken tätig, anschließend an der dortigen Kinderklinik. Dort findet er seine Berufung.

1989 erhält er seine Anerkennung als Arzt für Kinderheilkunde, ist danach Oberarzt an der Kinderklinik Hanau, bevor er 1992 die Gelegenheit ergreift, im neuen Ärztehaus in Rumpenheim seine eigene Praxis zu eröffnen. 1995 kommt Kollege Dr. Martin Eckrich hinzu, seitdem bilden sie eine Gemeinschaftpraxis. „Wir sind wie ein Ehepaar“, sagt Gründler und lacht. „Man verbringt ja mehr Zeit miteinander als mit der Partnerin.“

Sohn Tim kennt den Praxispartner daher von Kindesbeinen an, ebenso wie die langjährigen Mitarbeiterinnen. Den Beruf des Vaters habe er immer als praktisch empfunden, erzählt er lächelnd. „So musste ich nie zum Kinderarzt, er hat sich gekümmert.“ Während eines Italienurlaubs kommt es zu einem einschneidenden Erlebnis: „Ein Kind ist im Pool untergegangen und war bewusstlos. Er hat es wiederbelebt, bis die Rettungskräfte gekommen sind.“ Die Geschichte geht gut aus, der Junior ist beeindruckt. „Da wurde mir klar, was der Beruf bedeutet.“

Nach seinem Schulabschluss – er war der deutlich bessere Schüler – studiert er ab 2007 Medizin in Heidelberg und Mannheim, wo er am infektiologischen Labor der Kinderklinik promoviert. „Ich hielt mir aber offen, wo ich am Ende lande. Es hätte genauso gut was anderes sein können als die Pädiatrie.“ Auch hier entscheidet das Schicksal: Es wird die Kinderklinik am Sana-Klinikum.

Dort merkt er schnell, dass ihm genau dieses Fach liegt. „Kinderheilkunde ist sehr abwechslungsreich, man erlebt im Alltag viele schöne Momente“, schwärmt er. Im Umgang mit Kindern fühle er sich emotional involvierter. „Es macht einfach Spaß, wenn das Kind sich beim Bauchabtasten kaputt lacht.“

Eine eigene Praxis zu haben bedeutet für ihn, frei zu sein von Zwängen, die mit der Arbeit an Kliniken einhergehen. Daher fiel ihm der Entschluss nicht schwer. Er ist deutschlandweit einer von nur einer Handvoll Kinderärzten, die so jung bereits diesen Weg beschreiten.

Selbst Vater von zwei Töchtern im Alter von fünf und zwei Jahren kann er Elternsorgen gut nachempfinden. „Als Kinderarzt ist man Teil einer Dreierbeziehung mit den Eltern und Kindern – das ist nicht immer einfach. Der Beruf bringt eine hohe soziale Verantwortung mit sich“, betont Gründler senior. In seinen fast 30 Berufsjahren beobachtet er, dass die Themen Erziehung und „Grenzen setzen“ immer mehr in den Vordergrund rücken, generell die psychische Komponente. „Auch Themen wie Mobbing an der Schule gab es vor 30 Jahren noch nicht.“

Gut ein Viertel der Arbeit machen soziale Themen wie Trennungsprobleme oder Schulverweigerung aus. Einen besonderen Anstieg an körperlicher Misshandlung kann er in seiner Praxis nicht beobachten. „Da hier die Zahlen aber insgesamt ansteigen, muss ich öfter was übersehen haben“, sagt er selbstkritisch. Daher ist er froh, dass der Runde Tisch Kinderschutz eine bessere Vernetzung geschaffen hat. „Die Organisation untereinander ist aber zu optimieren, da verpufft leider immer noch Energie.“

Viele, auch prophylaktische Gespräche drehten sich um den Umgang mit Medien. Suchtartiges Videospielen sei vor allem bei Jungen ziemlich verbreitet, bedauert der Pädiater. Gerade im Corona-Jahr beobachtet er wachsende Belastungen für Kinder und Jugendliche: „Die psychosomatischen Beschwerden bis hin zu Depressionen haben klar zugenommen.“

Insgesamt ist es seit Corona ruhiger geworden in der Praxis: Die Patienten müssen draußen warten, es kommen weniger Bagatellfälle. „So kann ich mir mehr Zeit für Gespräche nehmen“, sieht Gründler einen Vorteil. Sein letztes Praxisjahr brachte dennoch ganz neue Herausforderungen. In der Corona-Hochphase im Herbst machten sie fürs Gesundheitsamt bis zu zehn Abstriche am Tag. Glücklicherweise hatte von den positiv getesteten Kindern in seiner Praxis keines einen schweren Verlauf.

Sich als Ruheständler auf die faule Haut zu legen? Das ist dem passionierten Marathonläufer fremd. Bereits im April reist er wieder zu seinen kleinen Patienten in Afrika. „So kann ich etwas geben, und das gibt mir sehr viel.“

Von Veronika Schade

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