Wasserhäuschen war Behelfsheim

Historiker fassungslos über geplanten Abriss des RAF-Kiosks

Hat die ehemaligen Standorte der Behelfsheime im Zweiten Weltkrieg in einer alten Karte von Offenbach markiert: Der Geschichtslehrer Arne Keilmann kommt auf 144 Stück. Nur noch zwei sind bis heute erhalten geblieben. Einer davon ist die Trinkhalle im Hintergrund.
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Hat die ehemaligen Standorte der Behelfsheime im Zweiten Weltkrieg in einer alten Karte von Offenbach markiert: Der Geschichtslehrer Arne Keilmann kommt auf 144 Stück. Nur noch zwei sind bis heute erhalten geblieben. Einer davon ist die Trinkhalle im Hintergrund.

Der RAF-Kiosk in Offenbach soll abgerissen werden. Dabei hat es laut eines Historikers einen „beträchtlichen geschichtlichen Wert“.

Offenbach - Was für eine Überraschung: Nach dem Bericht über den RAF-Kiosk, dem der Abriss droht, ist jetzt klar: Das Wasserhäuschen vor dem ehemaligen Stadtkrankenhaus hat eine noch viel weitreichendere Geschichte, als bisher bekannt war.

Nicht nur, dass dort 1972 die RAF Terroristen Irmgard Möller und Klaus Jünschke in einer spektakulären Polizeiaktion festgenommen wurden, dem Kiosk kam schon im Zweiten Weltkrieg eine besondere Bedeutung zu. Denn das kleine Häuschen wurde 1944 auf Befehl von Adolf Hitler zu einem sogenannten Behelfsheim des Deutschen Wohnungshilfswerks umfunktioniert.

„Damals wurden diese Behelfsheime quasi aus dem Boden gestampft“, erklärt der Offenbacher Geschichtslehrer Arne Keilmann, der sich seit Jahren mit deren Geschichte beschäftigt. Er war es auch, der sich mit seinem Wissen an die Redaktion gewandt hat. Sein Ziel: „Die Geschichte dieses Kiosks hat noch viel mehr zu bieten, als nur die Episode der RAF-Festnahme. Das sollten die Menschen wissen, bevor der Kiosk einfach so abgerissen wird.“

Das Ehepaar Schneider am Bedienfenster.

RAF-Kiosk in Offenbach: Ausgebombte finden neue Heimat

Ausgebombte und meist auch traumatisierte Offenbacher fanden laut Keilmann in den Behelfsheimen mit ihrem geretteten Hab und Gut schnell und unkompliziert eine neue Heimat. Die Vorgaben für diese Heime waren vorgegeben. „Quadratmeteranzahl und Beschaffenheit waren in Hitlers Anordnung klar geregelt“, erklärt Keilmann. „Dazu gab es auch eine richtige Bauanleitung, denn Bürger sollten dazu gebracht werden, solche Behelfsunterkünfte in Windeseile zu bauen.“ Zu den Anleitungen gab es für jeden Bauherren Gutscheine für die benötigten Baumaterialien.

„Wer die Fertigstellung nachweisen konnte, erhielt dann eine Prämie von 1700 Reichsmark.“ Auf diese Weise seien 144 dieser Übergangsheime im Stadtgebiet entstanden oder hergerichtet worden, so Keilmann. „Ich habe sogar eine Karte im Stadtarchiv finden können, in der diese verzeichnet sind“, sagt der Historiker. „Doch davon sind nur zwei Heime bis heute erhalten geblieben.“ Eines liege am Brunnenweg und werde bis heute als extrem kleines Wohnhaus genutzt. Das andere sei der RAF-Kiosk am Klinikum.

Freunde vorm Kiosk: Karl Schneider (links) posiert mit einem Bekannten.

RAF-Kiosk in Offenbach: Eis an Passanten verkauft

Auch die ehemalige Mitarbeiterin der Kreisredaktion dieser Zeitung, Heidemarie Reichert, kann über die Geschichte des Kiosks vor und nach dem Krieg berichten. Sie hat auch einige Fotografien von damals aufgehoben. „Meine Eltern waren schon vor dem Krieg die Pächter des Kiosks“, erinnert sich die 80-Jährige. Ihr Vater sei dann zusammen mit dem Onkel nach Kriegsbeginn ins Konzentrationslager deportiert worden. „Allerdings konnten die beiden nach Frankreich flüchten und so dem Tod entgehen“, sagt Reichert. Sie und ihre Mutter seien in Unter-Schmitten am Rande des Vogelsbergs untergekommen. „Nach dem Krieg wurde meinen Eltern im Jahr 1947 dann erneut der Kiosk zur Pacht angeboten“, berichtet Reichert. In dieser Zeit seien auch einige Umbaumaßnahmen erfolgt. „Ganz früher war der Kiosk eine Art Holzhaus, oder zumindest mit Holz verkleidet und auch etwas kleiner“, erinnert sie sich. Ihre Eltern hätten damals auch den bis heute erhaltenen Verschlag auf der Rückseite des Wasserhäuschens gebaut, um Getränke unterzustellen.

Sie selbst habe in der Zeit dort vor dem Kiosk als kleines Mädchen Eis an die Passanten verkauft. „Das waren schöne Zeiten, an die ich mich gerne erinnere. Denn unser Kiosk war Anlaufstelle für die ganze Nachbarschaft, und das ganze Krankenhauspersonal hat dort seine Mittagspause verbracht“, erzählt Reichert. In den 60er Jahren seien ihre Eltern dann allerdings in Rente gegangen und der Kiosk an einen neuen Pächter vermietet worden.

Immer gute Laune: Clara Schneider bedient einen Kunden am Kiosk vor dem damaligen Stadtkrankenhaus.

Historiker zu RAF-Kiosk in Offenbach: Gebäude hat „beträchtlichen geschichtlichen Wert“

Dass dem Wasserhäuschen, wie bereits berichtet, nun der Abriss im Zuge einer Umgestaltung des Areals zur Grünanlage droht, kann Keilmann nicht verstehen. „Offenbach hat durch Krieg und Wiederaufbau schon so viel historisch bedeutende Bausubstanz verloren“, argumentiert der Historiker. „In Kombination mit der RAF-Geschichte hat dieses Gebäude einen beträchtlichen geschichtlichen Wert und sollte unter allen Umständen erhalten werden.“

Im zuständigen Planungsdezernat von Stadtrat Paul-Gerhard Weiß will man sich nun offenbar doch noch einmal mit dem Thema auseinandersetzen und die neuen Aspekte in die Beurteilung einfließen lassen. Prinzipiell werde die bisherige Planung zwar zunächst fortgeführt. Einen Erhalt des Kiosk will Referent Jürgen Weil aber nicht ausschließen. Er verspricht: „Wir werden da aufgrund der neuen Erkenntnisse noch mal in die Prüfung gehen und auch in unserem Stadtarchiv nachforschen.“ (Christian Reinartz)

Kommentar: Geschichte nicht dem Reißbrett opfern
von Christian Reinartz

Es ist ignorant, wenn Stadtplaner es überhaupt in Erwägung ziehen, einen solch geschichtsträchtigen Ort, wie den Kiosk vor dem ehemaligen Stadtkrankenhaus, abreißen zu lassen. Und das nur, weil sich dort eine Fachabteilung mit einem Grünanlagen-Konzept planerisch selbstverwirklichen will. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich die Stadt trotz der Kenntnis der historischen Bedeutung nicht klar für einen Erhalt des RAF-Kiosks ausgesprochen hat, sondern ihrer Fachabteilung offenbar freie Hand lässt. Dabei gibt es gar keine Not, diesen geschichtsträchtigen Ort einzuebnen. Klar ist es verständlich, dass kein Planer in seiner neu gestalteten Parkanlage ein paar Hüttchensteher mit Export-Pulle im Anschlag sehen will. Aber es gibt ja auch ganz andere Formen der Nutzung, die eine Grünanlage aufwerten könnten. Möglich wäre zum Beispiel eine Umwandlung des Häuschens in eine kleine Kunsthalle, in der Offenbacher Künstler ihre Werke ausstellen können. Oder aber man sucht einen Pächter, der dort eine zum Park passende Lokalität betreibt. Man könnte das Ganze sogar auf die Spitze treiben und zum hippen Szenetreff hochstilisieren. Alles ist möglich, die Planer könnten ruhig aus dem Vollen schöpfen und damit gleichzeitig der Geschichte Offenbachs Rechnung tragen. Die wurde nämlich genau an diesem Kiosk vor knapp 50 Jahren zu einem wichtigen Teil der Deutschen Zeitgeschichte.

Und bei aller Bedeutungsschwere darf man natürlich auch nicht die in Offenbach fast nicht mehr vorhandene Tradition der Wasserhäuschen vergessen. Denn gerade an diesem Kiosk wurde sich schon vor über 70 Jahren zugeprostet, haben die Offenbacher in ihrer Kindheit eine süße Tüte gekauft. Oder aber ein Bier und ein halbes Hähnchen, wie Leibniz-Schüler in den 70ern, wenn sie keine Lust auf Mathe hatten. Davon wird zumindest heute noch in der Redaktion mit leuchtenden Augen berichtet.

Dieser Kiosk ist mit all seiner Geschichte und seinen Geschichten Identität. Und diese darf nicht leichtfertig für ein Parkkonzept vom Reißbrett geopfert werden.

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