Für immer jugendlich

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Spongebob Schwammkopf hat auch unter den älteren noch Fans.

Markus, 31, lässt sich auf sein Spongebob-bezogenes Bett fallen. „Erwachsen werden kann ich auch später noch“, sagt er. Sein Mitbewohner Sebastian schlurft mit seiner Spiderman-Tasse an der WG-Tür vorbei und fragt: „Nachher 'ne Runde Playstation?“ Markus nickt. Von Kathrin Rosendorff

Mist, ich bin ja eigentlich mit Sandra zum Sushi verabredet, egal“, sagt er. Schnell simst er auf seinem Blackberry seiner aktuellen Freundin eine Absage.

Markus hat genug Geld, um alleine eine schnieke Westend-Wohnung zu beziehen. Die Uni hat er mit sehr gut (Summa cum laude) abgeschlossen, seither steigt mit jedem Jahr die Endzahl auf seiner Gehaltsabrechnung. Für sein „vorbildliches Verhalten und sein Verantwortungsbewusstsein“ lobt ihn sein Chef. Eigentlich könnte er also mit der Familienplanung loslegen. „Für eine Beziehung und Kinder möchte ich aber noch keine Verantwortung tragen.

Moderne Arbeitswelt verzögert Entwicklung

Schon erwachsen? Kunstrasen im Zimmer von Heranwachsenden als Trend.

Im Interview mit der Zeitschrift „Neon“, erläutert der britische Evolutionspsychologe Bruce Charlton seine Beobachtung, dass immer mehr junge Menschen wenig Lust haben, erwachsen zu werden. Das Erwachsen-Werden immer weiter nach hinten rauschieben. Er nennt das psychologische Neotenie. In der Evolutionsbiologie bedeutet Neotenie, dass ein Organismus Eigenschaften beibehält, die normalerweise zu einer niedrigeren Entwicklungsstufe zählt. Ein Grund für das ständige Hinauszögern von Verantwortung und Reife: Die moderne Arbeitswelt. Sie verlangt und belohnt den jugendlichen Typ, der immer flexibel, offen und anpassungsfähig ist. Das kann auch der Offenbacher Psychologe Stefan Baier bestätigen. „Die Neotenie ist eine Zeiterscheinung. Wir leben in einer komplexen, schnellen Mediengesellschaft. Ständig müssen wir wachsam bleiben, schnell reagieren. Da ist es ein Vorteil, wenn nicht sogar fast schon ein Muss, im Beruf ein jugendlicher, dynamischer Typ zu sein.

Hinzu kommt die Tatsache, dass die Ausbildung immer länger dauert. Heiraten und Kinderkriegen passiert nicht mehr mit Anfang 20, eher mit Anfang 30. Bei Männern tickt die biologische Uhr weniger laut. Vor allem aber hat sich die Lebensplanung der Frauen in den vergangenen 20 Jahren verschoben. Erst Karriere. Dann Kinder.

Immer mehr Frauen kommen zu mir. Sie sind Anfang, Mitte 30 und total fit im Job, aber das Familienthema kriegen sie einfach nicht gebacken“, bestätigt Baier.

Anne ist 32 und erzählt: „Während des Studiums habe ich die Kinderfrage nach hinten geschoben. Jetzt arbeite ich schon eine Weile und merke, dass ich Angst habe, dass mir die Entscheidung abgenommen wird, weil ich keinen passenden Partner mehr finde, mit dem ich ein Baby haben möchte.“ Baier betont, dass einige Menschen, einfach damit überfordert sind, dass Beziehungen und Kinder nicht so strategisch planbar sind wie eine Karriere und auch viel schwerer kontrollierbar. „Dass es einen Trend zur Beziehungsunfähigkeit gibt, keinerlei Verantwortung übernehmen zu wollen, wie Charlton behauptet, kann ich aber nicht bestätigen.

Ewigjugendliche mit negativen Charaktereigenschaften

Nach Plan funktionieren auch Computerspiele. Und sind deshalb bei vielen noch mit Mitte 30 angesagt, sagt Baier. Dazu passt auch das Phänomen, dass viele junge Frauen begeistert ihren Kaffee aus Prinzessin-Lillifee-Tassen trinken und Männer in Spongebob-Bettwäsche schlafen. „Das ist ein märchenhaftes Idyll, um sich aus der stressigen Erwachsenen-Welt auszuklinken“, erläutert Baier. Der Vorteil des Neotenisten: „Er ist lebendiger, weil er wieviele Dinge ausprobiert und so mehr Neues in sein Leben lässt als Erwachsene vergangener Generationen“, sagt Baier.

Bestätigen kann der Offenbacher Psychologe aber auch die negativen Charaktereigenschaften, die mit dem Leben eines Ewigjugendlichen einhergehen. Ganz oben gelistet sind da: Oberflächigkeit verbunden mit Unbeständigkeit. Dazu zählt auch das Unvermögen, Wissen zu vertiefen. „Ich habe beispielsweise Patienten, die mit Hausarbeiten in der Uni kein Problem haben. Aber wenn sie sich an längere Texte wie die Magisterarbeit setzen, fällt es ihnen schwer dranzubleiben und durchzuhalten. Sie lassen sich ablenken, werden unruhig und kriegen es nicht hin, das Handy auszulassen oder die Mails mal nicht zu checken.

Oft weiß der Neotenist nicht, wo er hingehört, hat eine geringe Verwurzelung. Aber für die meisten gibt es ein Happy-End, so der Psycholge: Die wenigsten Menschen bleiben in der ewigen Jugendlichkeit hängen. „Irgendwann setzt das Erwachsen-Werden-Wollen einfach ein.“ Bis dahin ist es okay, sich auch mal etwas länger in die Spongebob-Bettwäsche zu kuscheln.

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