Hotelzimmer statt Zuhause

Immer mehr junge Menschen in Offenbach leben in Notunterkünften

Im Gespräch mit einem Klienten ist Caritas-Beraterin Teodora Stoeva. Er lebt seit drei Jahren mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in einer Notunterkunft.
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Im Gespräch mit einem Klienten ist Caritas-Beraterin Teodora Stoeva. Er lebt seit drei Jahren mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in einer Notunterkunft.

Ein Zuhause, in dem man sich wohlfühlt: Das zählt zu den Grundbedürfnissen im Leben. Doch in Zeiten explodierender Mietpreise ist es schwierig, eine Wohnung zu finden.

Offenbach – Ein Zuhause, in dem man zur Ruhe kommt, sich wohlfühlt, sich entfalten und in das man Freunde einladen kann: Das zählt zu den Grundbedürfnissen im Leben. Doch in Zeiten explodierender Mietpreise wird es immer schwieriger, eine Wohnung zu finden. Mehr als 500 Menschen in Offenbach leben in einer Notunterkunft. 2010 waren es 222. Analog dazu stiegen die Kosten für die 22 Notunterkünfte in der Stadt von rund 1,2 Millionen auf 3,8 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Bei der Offenbacher Caritas ist die Betreuung dieser Menschen zu einem der größten Aufgabenfelder geworden. Das Jobcenter finanziert dort dafür allein drei Vollzeitstellen. „In diesem Jahr wurden bisher 52 Familien und Singles in Wohnungen vermittelt“, sagt Anette Bacher, Bereichsleiterin beim Caritasverband Offenbach.

Offenbach: Familien leben in Hotelzimmern – Erschwert soziale Teilhabe

Aber das sind Glücksfälle. Oft leben Familien jahrelang in einem kleinen Hotelzimmer, teilen sich Bad oder Küche mit anderen auf der Etage. „Alles geschieht an einem Ort“, erklärt Edith Heilos, Projektleiterin der Caritas-Straßenambulanz. „Die kleinen Geschwister spielen, die größeren versuchen, ihre Hausaufgaben zu machen, die Mutter bereitet Essen zu, der Vater sieht fern.“ Das erschwert schulische Leistungen und soziale Teilhabe: „Diese Kinder und Jugendlichen können keine Klassenkameraden nach Hause einladen, keine Geburtstage feiern.“ Ein Ziel, an dem die Caritas arbeitet, sind Spielzimmer in den Hotels, in denen hauptsächlich Familien untergebracht werden. Und eine Hausaufgabenbetreuung. „Das würde die Situation schon etwas entzerren.“

Die meisten dieser Familien sind nach Offenbach zugewandert aus Ländern wie Bulgarien, oft initiiert von Schlepperorganisationen, die die Menschen unter Vortäuschung falscher Tatsachen angelockt haben. „Sie kommen oft gutgläubig hierher, wähnen sich sogar in sozialversicherungspflichtigen Jobs, dabei kriegen sie etwas vorgelogen“, sagt Heilos. Die Menschen würden ausgebeutet, wüssten sich nicht zu helfen und hätten keinen Anspruch auf Sozialleistungen. „Erst kürzlich wurde ein Haus in der Waldstraße aufgelöst“, berichtet sie. Dessen Bewohner mussten nun ebenfalls in Notunterkünften untergebracht werden. Nach wie vor gibt es viel prekären Wohnraum – ein komplexes Thema, das die Stadt und die Helfer gleichermaßen vor Probleme und Gewissenskonflikte stellt.

Zunehmend junge Erwachsene beanspruchen die Hilfe der Caritas in Offenbach

Doch auch eine ganz andere Gruppe von Wohnungslosen beansprucht zunehmend die Hilfe der Caritas. Junge Erwachsene, die dabei sind, sich zu verselbstständigen, aber dabei auf Probleme stoßen. „Zum Beispiel Studenten, die nach einer Trennung von ihrem Partner, mit dem sie zusammengelebt haben, plötzlich ohne Wohnung dastehen“, schildert Anette Bacher. Oft betreiben sie „Couch-Hopping“, kommen mal bei einem Freund, mal bei einer Bekannten unter. Doch das funktioniert nicht dauerhaft. Irgendwann setzt sich eine Abwärtsspirale in Gang. „Diese Studenten und Berufsanfänger sind eigentlich nicht die Zielgruppe der Wohnungslosenhilfe und sie wollen das auch gar nicht sein“, weiß die Bereichsleiterin. Doch auch sie landen am Ende in einer Notunterkunft.

Der Sprung raus aus dem Elternhaus werde insgesamt immer schwieriger. Erst recht aber für junge Menschen ab 18 Jahren, die zuvor bei der Jugendhilfe angedockt waren und danach aus dem Raster fallen. „Es braucht eine gesetzliche Kooperationspflicht aller Ebenen für Menschen bis 27 Jahre“, fordert der Caritasverband für die Diözese Mainz. Notwendig seien auch ausreichende und angemessene Notfall- und Notschlafstellen mit sozialpädagogischer Begleitung sowie die schnellstmögliche Vermittlung in Wohnraum.

Wohnungen für große Familien besonder schwierig in Offenbach zu finden

Ob für Singles oder Familien – die meisten Vermittlungen geschehen privat auf dem freien Wohnungsmarkt. „Wir suchen selbst nach Wohnungen, aber halten die Betroffenen an, ebenfalls aktiv mitzusuchen“, erläutert Heilos. Die Vermittlung ist ein begleiteter Prozess, der nicht mit dem Unterschreiben des Mietvertrags endet: „Wir stellen den Vermietern die Bewerber vor, bleiben als Berater an ihrer Seite, es gibt eine ausführliche Evaluation.“ Besonders schwierig ist es, Wohnungen für große Familien zu finden. „Wann immer es möglich ist, vermitteln wir auch außerhalb von Offenbach“, sagt Bacher. Das Wichtigste sei, dass die Kinder aus den Notunterkünften rauskommen.

An ein besonderes Happy End erinnern sich die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen jetzt noch mit einem Lächeln. Kurz vor Weihnachten vergangenes Jahr zog eine 13-Jährige mit ihrer Familie in eine Wohnung, nachdem sie als Zweijährige in der Notunterkunft gelandet war. „Zum ersten Mal in ihrem bewussten Leben eine Wohnung zu haben, war für sie das schönste Weihnachtsgeschenk.“ (Veronika Schade)

Weitere Informationen gibt es im Internet auf der Homepage der Caritas.

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