Ärzte berichten von stark steigenden Einsatzzahlen

Retter am Limit: Immer mehr Notrufe ohne Not

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Retter werden gerufen, obwohl es sich oft gar nicht um einen Notfall handelt. Der schnelle Griff zum Handy und die Gewissheit, dass die Krankenkasse zahlt, machen es einfach.

Offenbach - Wenn in Deutschland Rettungswagen durch die Straßen heulen, gibt es dafür nicht immer einen guten Grund. Eine Untersuchung hat ergeben: Nur bei etwa 22 Prozent der Rettungseinsätze des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) liegt tatsächlich ein Notfall vor.

Viele Rettungseinsätze sind keine wirklichen Notfälle: „Die Leute melden sich vermehrt unter der Notrufnummer 112, obwohl sie keinen Notfall haben“, erklärt der Teamleiter Rettungsdienst beim DRK-Generalsekretariat, Wolfgang Kast. Zwar bedeute das nicht, dass in solchen Fällen keine medizinische Versorgung notwendig ist - es handelt sich aber nicht um einen lebensbedrohlichen Zustand. Grundsätzlich beobachten viele Retter eine größer werdende Erwartungshaltung. Sie werden gerufen, obwohl sich die Notwendigkeit des Rettungseinsatzes dann vor Ort oftmals gar nicht erschließt. Offenbar verleiten der bequeme Griff zum Handy und die Gewissheit, dass die Krankenkasse ja zahlt, zu einem Ruf nach dem Notarzt. „Eine Dienstleistungsmentalität macht sich breit“, sagen die Retter. Dabei mangelt es nicht an Arbeit. Insgesamt ist die bundesweite Zahl der Einsätze kontinuierlich gestiegen. Woran das liegt, kann nicht genau benannt werden, da das DRK dazu keine Daten sammelt.

Sicher ist, dass Notärzte und Rettungsassistenten immer häufiger an ihre Grenzen geraten. Von einem „Kampf gegen den Kollaps“ ist die Rede. So bekommen Ärzte und Sanitäter den demografischen Wandel beinahe jeden Tag bei ihren Einsätzen zu spüren: Weil es immer mehr alte und hochbetagte Menschen gibt, steigt das Risiko schwerer gesundheitlicher Komplikationen. Die Bandbreite der Erkrankungen, mit denen die Retter konfrontiert werden, ist enorm. Internistische Notfälle nehmen zu; Herzinfarkte gehören ebenso dazu wie Kreislaufschwächen, Krampfanfälle oder allergische Reaktionen. Oder Freizeitunfälle, die es verstärkt gibt, weil immer mehr Menschen, auch Ältere, mobil und sportlich aktiv sind und sich dabei auch überfordern. Hinzu kommen Drogenopfer, Betrunkene und psychisch labile Menschen. Der Blick an den Rand der Gesellschaft gehört für Notärzte längst zum Berufsalltag.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Was zudem auffällt: Im Gegensatz zu früheren Jahren bringen Verkehrsunfälle heute nicht mehr die Hauptarbeit. Unfälle machen nach Angaben von Notärzten inzwischen weniger als 30 Prozent der Einsätze aus. Unnütze Fahrten mit dem Rettungswagen sind übrigens nicht nur teuer (mehrere hundert Euro/regional unterschiedlich), sondern auch gefährlich. Das Risiko eines Unfalls ist bei Blaulichtfahrten 17 Mal höher als bei gewöhnlichen, haben die Bundesanstalt für Straßenwesen und das Institut für Arbeits- und Gesundheitsschutz der Gesetzlichen Unfallversicherung ermittelt.

dpa/psh

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