Gegen das Vergessen

Sozialbestattungen in Offenbach: „Jeder hat ein ordentliches Grab verdient“

Irmela Büttner auf dem Bieberer Friedhof: „Wir kümmern uns, egal, welchen Glaubens die Menschen sind“, sagt die Pfarrerin. Die Spendenmittel, die für die Bestattungen zur Verfügung stehen, reichen nicht weit. Zusätzliche Zuwendungen für diesen Zweck sind stets willkommen.
+
Irmela Büttner auf dem Bieberer Friedhof: „Wir kümmern uns, egal, welchen Glaubens die Menschen sind“, sagt die Pfarrerin. Die Spendenmittel, die für die Bestattungen zur Verfügung stehen, reichen nicht weit. Zusätzliche Zuwendungen für diesen Zweck sind stets willkommen.

Bestattungen sind teuer. Wenn der Tote nichts zurückgelegt hat und die Hinterbliebenen nicht zahlen können, springen Kommunen wie Offenbach ein. Das ist in Hessen immer öfter der Fall.

Offenbach – Eine genaue Zahl dieser sogenannten Sozialbestattungen vermag Gabriele Schreiber, Leiterin der Offenbacher Friedhöfe, für die lokalen Gottesacker nicht zu benennen. 2018 gab es nach Angaben des Sozialministeriums in Hessen landesweit 1357 solcher Beisetzungen. Im Jahr zuvor 1082. Sehr wohl erinnert sich Schreiber an den „zarten Start“ einer mittlerweile bewährten Kooperation von Friedhofsverwaltung und Evangelischer Kirche.

Um die Jahrtausendwende ist es in Offenbach gängige Praxis, Menschen, verarmt und ohne Angehörige, in Thüringen unter die Erde zu bringen – günstigere Bestattungskosten als in Offenbach befeuerten diese sehr spezielle Art des Beisetzung-Tourismus. Eine geänderte Gebührensatzung ermöglichte, dass Offenbacher wieder in der Heimaterde beigesetzt werden können, ohne die Kosten zu sprengen. So schlägt eine Urnenbeisetzung in einer anonymen Urnensammelgrabstätte mit 72 Euro zu Buche. Kosten für den Transport zum Friedhof, den Sarg und die Einäscherung übernimmt die Stadt – oder es wird über Spenden finanziert.

Offenbach und Frankfurt: An fehlenden Mitteln soll Bestattung nicht scheitern

„Niemand soll ungenannt bleiben nach dem Tod – außer es ist anders gewollt.“ Davon lassen sich die Friedhofsverwaltung und das Stadtdekanat Frankfurt und Offenbach leiten. Gabriele Schreiber sorgt dafür, dass es an fehlenden Mitteln nicht scheitern soll, dass Menschen eine letzte Ruhestätte finden, mit Nennung des Namens sowie des Geburts- und Todesdatums. Das hat freilich eine Vorgeschichte. 2009 war es, als Schreiber hörte, „der Schorschie soll anonym beerdigt werden“. Viele kannten ihn, den durch eine Hirnhautentzündung Beeinträchtigten. Sie und andere suchten nach einem Weg, ihm trotz fehlender Mittel zu einem Grab mit Namen auf dem Friedhof zu verhelfen und zu einer Trauerfeier. „Ich denke, dass jeder ein ordentliches Grab verdient hat“, von dieser Devise lässt sich Schreiber leiten.

Das damalige Evangelische Dekanat übernahm die Organisation dieser und anderer Sozialbestattungen. Heute ist die Bieberer Pfarrerin Irmela Büttner dafür zuständig. „Wir kümmern uns, egal, welchen Glaubens die Menschen sind“, sagt sie. Bei einem Rundgang über den Bieberer Friedhof geht Büttner in die Knie, zeigt auf die Metallplatten, die die Namen und Lebensdaten enthalten. Auf einem dieser Gräber liegt ein kleiner Tannenzweig. Die anderen sind im Gegensatz zu den benachbarten Platten der Rasengräber kahl.

„Bekannt bei Gott“, dieser Satz des Propstes Oliver Albrecht, gesagt in einer Andacht zum Totensonntag, ist Büttner ein Anliegen. Es müsse unterschieden werden zwischen Menschen, die sich bewusst für eine anonyme Bestattung entschieden, und denjenigen, denen das Geld für eine Beerdigung mit Grabstein fehle.

„Offenbacher Modell“: Spenden für Sozialbestattungen

Die Spendenmittel, die für die Bestattungen bereitstehen, reichen nicht weit, zusätzliche Zuwendungen für diesen Zweck sind willkommen: Blumenschmuck bei der Trauerfeier? Nein! Individuelle Gräber übersteigen gleichfalls das Budget. So werden jeweils zwei Urnen in einem Grab untergebracht. Menschen, die sich im Leben vermutlich nie begegnet sind, erhalten eine gemeinsame Ruhestätte – aber jeder mit einer eigenen Plakette, aus Messing gefertigt.

Die Leiterin der Friedhofsverwaltung war „bei der einen oder anderen dieser Bestattungen dabei“. Sie hat den Eindruck gewonnen, dass die wenigen, die den letzten Weg begleiteten, „dankbar waren, dass sie gemeinsam gehen konnten“. Und dass die Verstorbenen auf diese Weise nicht vergessen sind. Von einem „Offenbacher Modell“, spricht Gabriele Schreiber, nur wenig Vergleichbares gebe es in der Bundesrepublik.

Selten meldeten sich Verwandte der Toten, eher sorgten sich ehemalige Kolleginnen oder Bekannte um die letzte Ruhestätte. Wie ein würdevoller Abschied von dieser Welt ohne Angehörige aussehen kann? So etwa: Dem Impuls von Koordinatorin Birgit Winter folgend, trafen sich im Februar sieben Frauen der Ökumenischen Hospizbewegung zu einer Trauerfeier und Beisetzung für einen Mann, der im Alter von 85 Jahren verstarb – wegen bestehender Beschränkungen aufgrund des Coronavirus allein, ohne die gewünschte Hospizbegleiterin. Musikalisch eingestimmt durch Fagott-Klänge, begann mit einem kleinen buddhistischen Gedicht die Trauerfeier. „Wir fühlten uns verbunden mit dem Mann, den wir nicht wirklich kannten. Es war ein beeindruckender Abschied, würdevoll und stimmig“, heißt es. Auch Dank großzügiger Spenden, der Unterstützung durch Gabriele Schreiber und der Evangelischen Kirche. (Bettina Behler und Martin Kuhn)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare