„...in den Sand gesetzt“

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Gucken ein Stück in die gemeinsame Zukunft ihrer Städte: Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth und ihr Offenbacher Amtskollege Horst Schneider.

Offenbach - Frankfurts städtischer Wohnungs- und Immobilienkonzern ABG überlässt nichts dem Zufall. Dazu hat er zu viel zu verlieren und zu viel zu gewinnen. Von Marcus Reinsch

Zumal bei einer 50-Millionen-Investition auf frisch erobertem Terrain, der Offenbacher Hafeninsel. Selbst die noch von keinem Krümelchen Erde beschmutzten Spaten, die gestern Vormittag für die Offiziellen bereitstehen, geben also gravierte Auskunft über Anlass und Datum eines lange ersehnten symbolischen Akts: Erster Spatenstich für die „Mainzeile Offenbach“, 15. August 2011.

Nicht, dass ABG-Geschäftsführer Frank Junker und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, deren Offenbacher Amtskollege Horst Schneider und Daniela Matha als Geschäftsführerin der unter dem Dach des hiesigen Stadtkonzerns SOH arbeitenden Mainviertel Offenbach Gmbh einen Spickzettel nötig hätten. Dazu haben sie sich schon zu oft für den Bau von zunächst 178 Mietwohnungen und später weiteren Immobilien den Mund fusselig geredet und trotzdem ums große Ganze bangen müssen.

Traum wäre fast begraben worden

Gar nicht lange her, da sah es so aus, als ob Spaten auf der 256.000 Quadratmeter großen Hafeninsel nur noch dazu gut sein würden, den Traum vom neuen Hafenviertel mit Wohnungen, Firmen, Grünanlagen, Flusspanorama, Kita, Schule und zumindest perspektivisch auch der Hochschule für Gestaltung zu begraben. Letztes Jahr im April hatte der Verwaltungsgerichtshof Darmstadt sechs Fechenheimer Firmen Recht gegeben, die aus Angst vor Lärmschutzansprüchen vom gegenüberliegenden Offenbacher Mainufer gegen das Projekt geklagt hatten. Justitia kassierte den noch nicht gültigen Bebauungsplan ein; erst im September gelang nach einem Verhandlungsmarathon die Rettung des Vorhabens per außergerichtlichem Vergleich.

Bis dahin hatte nicht nur der Offenbacher OB viel Blut und Wasser geschwitzt. „Als das Urteil kam, dachte ich, der Boden geht unter mir auf“, bekennt Schneider gestern. „Aber wir haben die erste Riege der Frankfurter Anwälte niedergerungen. Das war echt großes Kino, und ich brauche das wirklich nicht noch mal.“

Wird er wohl auch nicht mehr bekommen. Der Bebauungsplan ist rechtskräftig, die Baugenehmigung für den ersten von drei Bauabschnitten erteilt. Der umfasst das 7200 Quadratmeter große Areal am nordöstlichen Mainufer, das die ABG als Investor von der Mainviertel GmbH gekauft hat. Was nun, wie Schneiders Frankfurter Gegenstück Petra Roth mit Augenzwinkern formulierte, „in den Sand gesetzt“ wird, sind drei achtgeschossige, auf Computergrafiken recht trutzig daherkommende Gebäuderiegel mit besagten 178 Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen samt Tiefgaragen. Angepeilter Erstbezug: übernächstes Jahr. ABG-Chef Junker hält Mieten von rund 10 Euro pro Quadratmeter für realistisch. Wobei sich dieser für Offenbacher Verhältnisse hohe Preis relativiere, weil die Gebäude nach dem Passivhausstandard hochgezogen werden, der die Nebenkosten für Heizung und Warmwasser minimiert.

ABG wird Eigentumswohnungen bauen

Später, nach Junkers Schätzung schon 2012, soll es den nächsten ersten Spatenstich auf der Hafeninsel geben. Dann wird die ABG ihre zweite, nach Schneiders Meinung nun vielleicht doch zu günstig hergegebene Grundstücksoption ziehen und Eigentumswohnungen bauen.

Mainzeile Offenbach

- Auf 7020 Quadratmetern in der nordöstlichen Hafeninsel-Ecke entstehen bis 2013 insgesamt 178 Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen in drei achtstöckigen Gebäuderiegeln.

- Bauherrin des 50-Millionen-Euro-Projekts ist die ABG Holding, der Immobilienkonzern der Stadt Frankfurt. 

- Die Bruttogeschossfläche wird 22000 Quadratmeter betragen. Alle Wohngebäude werden dem Passivhausstandard KfW 55 entsprechen. 

- Es sind nur 144 Autostellplätze geplant. Die 356 Fahrradabstellplätze werden aber teils über Ladevorrichtungen für Elektroräder verfügen. Außerdem sollen sich die Bewohner sechs Carsharing-Fahrzeuge eines Dienstleisters teilen.

Petra Roth kann die Fortsetzung der „mehr als richtigen“ Kooperation der beiden Großstädte kaum erwarten. Sie sei überzeugt, dass „die Ressourcen, die Frankfurt hat, auch in Offenbach sind und dass man aus Offenbach sehr viel machen kann“. Und natürlich wolle Frankfurt „Gewinn machen. Dass wir den Grund hier preiswerter bekommen als in unserer Kernstadt, das ist für uns wirtschaftlich attraktiv.“

Solche Offenbacher Renditechancen will Junker, der nicht nur als Ergebnis der gemeinsamen Rettungsmission für den Bebauungsplan „eine wunderbare Freundschaft mit Offenbach“ gefestigt sieht, nicht für sich behalten. Es hätten sich bereits einige mit der ABG verbandelte Investoren gemeldet und Interesse am Engagement in der Nachbarstadt bekundet.

Interesse erhofft Junker auch für seinen Vorschlag, die Bürger der Städte sollten sich einen passenden Namen für die ABG-Wohnriegel ausdenken und einer hochkarätigen Jury vorlegen. Er selbst, scherzt er, sei da nicht weit gekommen, könne die neue Verbindung zwischen Frankfurt und Offenbach aber nunmal schlecht Offenfurt oder Frankbach taufen. Für „gelebte Region“ solle so ein Titel aber doch stehen.

Metropolregion führe nicht zum Identitätsverlust der Städte

OB Schneider adelt sowas als „prima Idee“, erklärt „unser gemeinsames Marketing für ausbaufähig“ und gibt dann Kollegin Roth recht, die schon betont hat, dass die Beförderung der Metropolregion Frankfurt/Offenbach keinesfalls zum Identitätsverlust einzelner Städte führen dürfe. „Ich jedenfalls werde bis zum letzten Atemzug Offenbacher bleiben“, versichert Schneider, der den großen Trubel um das „erste belastbare Projekte jenseits von Sonntagsreden“ sogleich als Chance nutzt, an eine andere elementare Schnittstelle zwischen den Großstädten zu erinnern: das Kaiserleigebiet mit seinen Verkehrsproblemen. Es werde Zeit, da mittels eines möglichst üppig von Bund und Land bezuschussten Umbaus des Kaiserleikreisels für Entlastung zu sorgen.

Die Hafeninsel-Bebauung ist da - zehn Jahre nach dem ersten Planergedanken - erfrischend viel konkreter. Mainviertel-Chefin Matha will noch in diesem Jahr weitere Grundstücke auf dem Areal vermarkten. Gleichzeitig werde die Anliegerstraße fertig gebaut und eine Grünanlage komme dazu, damit sich die ersten Hafen-Mieter nicht fühlen müssten wie auf einer Baustelle.

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