Indische Erkenntnisse helfen

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Postkarten-Idylle im Mainbogen: Doch nicht allein der optische Eindruck soll überzeugen. Die Experten haben in den vergangenen Jahr die Wasserqualität stetig verbessert – zuletzt mit 8,8 Tonnen Kaliumchlorid.

Bürgel/Rumpenheim ‐  Das Wasser des Schultheis’ ist eigentlich unbedenklich für Badegäste. Eigentlich. Das Blöde: Blaualgen, die Schleimhäute reizen und Magen- und Darm-Probleme verursachen können, konzentrieren sich genau an der Stelle, wo die Erholungssuchenden in den See wollen – am Badestrand. Von Martin Kuhn

Schuld daran ist der Wind, der meist aus östlicher Richtung bläst und die Bakterien dorthin treibt. Die Idee einer begeisterten Besucherin: „Baut doch einen Steg.“ Dazu können sich die Verantwortlichen nicht durchringen. Sie setzen auf andere Maßnahmen, um den See langfristig zu gesunden und ihn als Badegewässer für die Offenbacher zu erhalten. Die Fachleute setzen im Mainbogen, wie Bürgermeisterin Birgit Simon stets betont, „auf eine biologische Sanierung“. Das ist verständlich. Schließlich will die Grünen-Dezernentin nicht ausgerechnet in einem Naturschutzgebiet die chemische Keule auspacken, um die Blaualgen (weit verbreitete Bezeichnung für die Cyanobakterien) zu bekämpfen. Dennoch verwenden die Experten Stoffe, die viele allenfalls noch aus dem Chemie-Unterricht kennen: Natriumhydrogencarbonat etwa. Oder Calciumchlorid. In diesem Frühjahr schwört der beauftragte Gewässer-Ökologe Christian Schuller auf ein neues Mittel: Kaliumchlorid, das Kaliumsalz der Salzsäure.

Langsam tuckert das Boot über den Schultheis. Die Arbeiter tragen einen leichten Atemschutz, streuen mit Schaufeln das weiße Pulver in den Schultheis. Immer wieder kehren sie ans Ufer zurück, um ihre Wannen aufzufüllen – eine mühsame, aufwändige Arbeit. Schließlich sind an zwei Tagen gut 8,8 Tonnen Kaliumchlorid einzubringen: „Es reicht nicht, die gesamte Menge an einer Stelle in den See zu schütten“, sagt Christian Schuller. Da der Schultheis über keinen natürlichen Zufluss verfügt, würde sich das Salz nur schlecht gleichmäßig verteilen.

Fakten

  • Der Weiher entstand 1928, als die Firma Schultheis mit dem Kiesabbau im Mainbogen begann. 
  • Nach Aufgabe des Kiesabbaus in den 1960er Jahren verfüllte man das Areal – teils mit Müll. Das untersagte 1975 die Stadt.
  • Der Schultheis ist ein Rastplatz für Zugvögel, insbesondere für Kormorane.
  • Seegröße: 11 ha
  • öffentlicher Bereich des Naturschutzgebiets: 2,5 ha
  • Seetiefe: bis 3 Meter
  • bisherige Fischentnahmen: 15
  • entnommene Graskarpfen: 44 mit einem Gesamtgewicht von 642 Kilogramm

Ziel ist es, die vorhandene Kaliumkonzentration von 7 auf 27 Milligramm pro Liter zu erhöhen. Das Salz ist nicht toxisch, hindert aber das Wachstum der Cyanobakterien. Getestet habe er das Verfahren im Labor, praktische Anwendungen gebe es bereits in Indien, erklärt der Ökologe, der derzeit zwei weitere hessische Gewässer betreut – in Eschwege und in Mainflingen. Mit dem Eintrag des Salzes, will man einen Kampf beeinflussen. Die spannende Frage: Wer dominiert im Schultheis – die Cyanobakterien oder die Wasserpflanzen? Letztere sind unabdingbar für ein gesundes Gewässer. Bei der Bestandsaufnahme 2006 registrierte der Ökologe im Schultheis so gut wie keine Wasserpflanzen. Inzwischen freut man sich über teils dichten Bewuchs. Es ist nur ein Schritt: Damit Raues Hornblatt oder Laichkraut gedeihen, müssen die raus, die die Pflanzen wegfressen – in erster Linie Graskarpfen, die in kein mitteleuropäisches Gewässer gehören. Also versuchen die Fachleuten in einem parallelen Schritt (und in Absprache mit den Angelsportvereinen!), die Fischpopulation in ein gesundes, verträgliches Gleichgewicht zu bringen. Eine weitere Abfischung brachte zudem Hechte, Schleien, Brassen, Aale und Welse an die Oberfläche. Entwickeln möchten die Verantwortlichen ein Hecht-Schleie-Gewässer. Dazu werden Ende Mai etwa 10 000 Junghechte aus einem Zuchtbetrieb in Gersfeld eingesetzt; übrigens ein anerkanntes Verfahren zur Stabilisierung der Wasserqualität. Das alles lässt die Stadt im fünften Jahr der Gewässer-Sanierung positiv in die Zukunft blicken. Schuller: „Der See ist genesen. Aber künftig sollten alle rücksichtsvoll mit dem See umgehen. Das war über Jahre nicht der Fall.“ Eine Prognose, ob der Schultheis allein in diesem Jahr durchgehend als Badegewässer zur Verfügung steht, möchte keiner treffen. „Da spielen einfach zu viele Faktoren mit“, sagt Dr. Michael Maiwald. Der Leiter des Gesundheitsamts ist letztlich für die Freigabe verantwortlich. Seine Mitarbeiter nehmen alle 14 Tage Proben. Überschreiten die Ergebnisse die Grenzwerte, ist das Baden verboten.

Und wie oft ist das 2009 vorgekommen? „Immer“, frotzeln die Journalisten am See. Dem widerspricht die Verwaltung: „Sechs Wochen.“ Dr. Michael Maiwald bemüht die Akten: „Erstmals am 22. Juli.“ Bis zum offiziellen Ende der Badesaison am 15. September sind das gut sechs Wochen. Oder rein subjektiv: Der gefühlte ganze Sommer...

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