Industriebrache öffnet sich

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Auf dem Papier ist’s ganz einfach: Die neue Quartiersmitte auf dem ehemaligen Werk 1 des Druckmaschinenherstellers MAN Roland wird durch Öffnung der denkmalgeschützten Halle zur Senefelderstraße erschlossen.

Offenbach ‐  Industrie raus, Wohnbebauung, Schule, Vollversorger, Dienstleister rein. Eine denkbar einfache Formel, die quer durch die Republik angewandt wird – mit den jeweiligen lokalen Unbekannten. Von Martin Kuhn

In Offenbach soll diese Gleichung gleich drei Industriebrachen mit Leben füllen: im Hafen, im Chemiepark Allessa, im MAN-Roland-Stammsitz. Stets stellen sich die selben bangen Fragen: Wer bezahlt es? Erzielen Politik und Verwaltung die gewünschte Vitalisierung für Stadtbild und Sozialstruktur?

Die Aufstellung eines Bebauungsplans fürs sogenannte Senefelder-Quartier (ehemaliges Roland-Werk Christian-Pleß-Straße) ist seit 2007 beschlossen; nun soll der ehrgeizige Plan die nächste parlamentarische Hürde nehmen – ein Grundsatzbeschluss zur Umnutzung. Gänzlich neu ist das Papier nicht, enthält jedoch ein zusätzliches Detail. Der bislang auf dem Areal vorgesehene Schul- und Kitabau ist einer „umfänglichen Wirtschaftlichkeitsbetrachtung“ zu unterziehen.

Hintergrund: Die Verwaltung arbeitet weiter an einer Schul-Rochade im Süden. Mit der Humboldtschule steht in einiger Entfernung ein Nachkriegsbau, der dringend für teures Geld zu sanieren ist. Da scheint ein Neubau auf dem Werksboden günstiger. Das ist nun mit spitzem Stift zu rechnen. Die Alternativen, die der Magistrat beschreibt und das Humboldt-Areal (Waldstraße) auf den Grundstücks-Markt bringen würde:

Ein Investor der MAN AG erwirbt den Grundstücksteil auf dem 3,2 Hektar großen Areal, baut die Schule und vermietet sie an die Stadt.

Oder die Stadt erwirbt den Grundstücksteil und baut die Schule nach öffentlicher Ausschreibung selbst.

Was in der Vorlage fehlt, ist eine dritte Variante. Im Bauausschuss erinnert Vorsitzender Bernhard Schönfelder (CDU) daran: Die Stadt saniert die Humboldtschule am angestammten Platz. Wie angedeutet: Es schlägt die Stunde der Rechenschieber...

Allerdings macht Oberbürgermeister Horst Schneider im Ausschuss deutlich, dass es für die hoch verschuldete Kommune bei allem finanziellen Druck Schmerzgrenzen gibt: „Wir machen nicht mit, wenn’s keine vernünftige Lösungen gibt.“ Und er legt nach: „Die Stadt finanziert nicht den Grundstücks-Profit von MAN...“ Da lässt sich trefflich spekulieren. Das letzte Druckwerk wurde vor sechs Jahren im MAN-Werk 1 hergestellt. Es ist nicht öffentlich, was bis zu diesem Zeitpunkt an Giftstoffen in den Boden sickerte und heute für viel Geld zu entgiften ist. Ein weiteres Argument, das für die Stadt spricht: Seit Beginn der Planungen ist klar, „dass die Umnutzung des Werksgeländes aufgrund der erheblichen zur Disposition stehenden Flächen nur in Verbindung mit öffentlichen Maßnahmen zu realisieren ist.“

Die an der Umsetzung beteiligten vier Parteien vertreten sicher vier Standpunkte: MAN-Liegenschaftsmanagement, OFB Projektentwicklung, Frankfurter Wohnungsbaukonzern ABG Holding und nicht zuletzt die Stadt. Die strebt eine städtebauliche Aufwertung des hoch verdichteten Gründerzeitviertels ebenso an wie eine „Verbesserung der Sozialinfrastruktur“. Die Ziele:

Das Areal wird in drei Teilbereiche gegliedert und ist in zwei Achsen von Nord nach Süd durchlässig konzipiert. Die in Ansätzen noch vorhandene Blockrandbebauung der Waldstraße wird durch eine Wohnbebauung vervollständigt. Zentral ist die Schule im Norden an der Baugrenze des Blockrandes angegliedert. Zum Lärmschutz präsentiert sich die Schule nach Westen als geschlossener Gebäuderiegel. Sie soll „höhenmäßig (…) zwischen der Blockrandbebauung im Westen und der Sheddachhalle an der Senefelderstraße vermitteln“.

Das künftige Quartierszentrum besteht aus miteinander verzahnten Freiflächen, die sich als „Forum“ in die Sheddachhalle an der Senefelderstraße fortsetzen. Unter der denkmalgeschützten Hallenkonstruktion sollen Kindertagesstätte, Lebensmittelgeschäfte, Gastronomie und Dienstleistungen (Obergeschoss) der Blockrandbebauung untergebracht werden. Die neue Quartiersmitte wird durch Öffnung der denkmalgeschützten Halle zur Senefelderstraße erschlossen.

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