„Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif“

Offenbach - Sie wollen ein öffentliches Bewusstsein für Inklusion schaffen und Offenbachs Bedürfnissen nach den dafür notwendigen Fördermitteln beim Land Nachdruck verleihen. Von Katharina Hempel

Aus diesem Grund haben sich mehrere Institutionen zum „Netzwerk für Inklusion in der Stadt Offenbach“ zusammengeschlossen. Die Initiative ging von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus.

„Nur gemeinsam kann es uns gelingen, die Interessen von Kindern und Eltern, Stadt und Schulen nachhaltig zu vertreten und die Inklusion erfolgreich und hochwertig im Offenbacher Bildungssystem umzusetzen“, erklärt Sprecherin Dorothea Torpitz. Seinen Forderungen zugrunde legt das Netzwerk die 2006 beschlossene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die hat auch Deutschland unterzeichnet und sich damit verpflichtet, ein Bildungssystem zu errichten, in dem der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung der Regelfall ist.

Zwischen „Regel“ und Realität klaffen noch Löcher. Grund eins: Es fehlt an Geldern. Laut einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung benötigt Hessen 380 zusätzliche Lehrerstellen. Kosten: 27 Millionen Euro. Zweiter Grund: Es mangelt an klaren Vorgaben seitens der Landesregierung.

„Wir brauchen Mittel. Inklusion lässt sich nicht zum Nulltarif umsetzen“, stellt Dorothea Torpitz klar. „Ein Aktionsplan wurde in der Stadtverordnetenversammlung im Dezember beschlossen, aber die hiesigen Behörden können erst anfangen, diesen umzusetzen, wenn ihnen die Verordnung des Landes vorliegt. Aber da scheint kein konkreter Wille zur schnellen Umsetzung zu herrschen.“

Ähnlich sieht das Stadtschulamtsleiter Thomas Löhr: „Bis jetzt fehlt es an einer Klarstellung des Landes, um den Weg frei zu machen und die Inklusion besser vorantreiben zu können.“

Das bedeutet aber nicht, dass Inklusion noch gar nicht umgesetzt wird. „Alle Schulen in Offenbach haben in irgendeiner Weise inklusive Maßnahmen am Laufen“, weiß Peter Bieniussa, kommissarischer Leiter des Staatlichen Schulamts. „Wir haben bisher gemeinsamen Unterricht von Kindern mit besonderem und mit normalem Förderbedarf gehabt, und der geht weiter.“

Für das kommende Schuljahr rechnet Bieniussa mit 50 Kindern, die inklusiv beschult werden sollen. „Wir müssen mal schauen, wie viele Inklusionsmaßnahmen wir mit den zehn Stellen, die wir haben, umsetzen können“, sagt er. Denn natürlich muss der bisherige gemeinsame Unterricht damit weiter abgedeckt werden. Das reizt den gesetzlich vorgeschriebenen Betreuungsschlüssel von 1:7 mehr als aus.

„Es fehlt einfach an Personal“, fasst Dorothea Torpitz vom Netzwerk für Inklusion zusammen. Darum ist es ihr wichtig, Offenbach in Wiesbaden zu vertreten. „Wenn die anderen Städte lauter schreien, bekommen sie am Ende mehr Mittel zugesprochen. Aber hier ist der Bedarf an Fördergeldern, auch wegen der vielen Kinder mit Migrationshintergrund, besonders dringend.“

Das Netzwerk plant für Ende August eine Podiumsdiskussion und will sich weiter in einem offenen Brief an die Landesregierung wenden, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Sie verlangen, dass Hessen dafür Sorge trägt, dass jedes Kind Zugang erhält zu einer seiner Begabung gerechten Bildung. Und dass Offenbachs Schulen die dafür notwendigen Mittel bereitgestellt bekommen.

  • Die Mitglieder des Netzwerks für Inklusion in der Stadt Offenbach sind: Behindertenhilfe, Lebenshilfe, Stadtelternbeirat, Stadtschulsprecher, Initiative Gemeinsam Lernen, Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, Volkshochschule – Lernen vor Ort, SPD, Bündnis 90/Grüne, Die Linke, FDP

Rubriklistenbild: © dpa

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