Gemeinsames Lernen scheitert im Alltag

Inklusion nur auf dem Papier

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Auch Hessen ist verpflichtet, die Inklusion (hier ein Foto aus Baden-Württemberg) voranzutreiben. Behinderte Kinder sollen ohne aufwendige Genehmigungsverfahren auf normale Schulen gehen können. In der Praxis entscheiden darüber Förderausschüsse. In Offenbach haben im Schuljahr 2012/2013 bis November 378 mal Förderausschüsse beraten, nur 148 Kinder werden inklusiv beschult.

Offenbach - Marvin kann nicht in die Schule. Wieder mal. Dass er nicht in den Unterricht darf, freut weder seine Eltern noch Lehrer und Schulleitung. Marvin selbst schon gar nicht. Von Matthias Dahmer

Der Elfjährige, dessen Namen wir geändert haben, geht nämlich gern in die Schule. Weil er dort seine Freunde hat und weil er gute Noten mit nach Hause bringt. Doch Marvin ist Autist. Er braucht wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten sowohl eine spezielle pädagogische Förderung als auch einen mitunter fehlenden Betreuer, der in solchen Fällen – ein unschönes Wort – Integrationshelfer genannt wird.

Der Junge ist damit eines von etwa 150 behinderten Kindern, die in Offenbach auf eine Regelschule gehen, also mit Nicht-Behinderten zusammen lernen. Inklusion wird dieses gemeinsame Lernen genannt. Behinderte Kinder haben gemäß der seit 2009 in Deutschland geltenden UN-Behindertenrechtskonvention, zu deren Umsetzung sich auch Hessen verpflichtet, einen Rechtsanspruch darauf. Doch wie so oft geht die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit ziemlich weit auseinander.

Idealvorstellung: „Eine durchgängige Besetzung“

Verhindert wird das wirkliche Ende des Aussortierens nicht nur im Fall des Elfjährigen von einem Dschungel verschiedener Zuständigkeiten sowie fehlender, letztlich finanzieller, Ausstattung. In der Landespolitik brüstet man sich, die Inklusion voranzutreiben. Diejenigen, die mit viel Engagement das gemeinsame Lernen im Alltag umsetzen wollen, sind indes – öffentlich sagen sie das nicht – ziemlich frustriert.

Iris Kamarowsky beschreibt lieber, wie ihre Idealvorstellung von inklusivem Unterricht aussehen würde: „Ein durchgängige Besetzung mit einer pädagogischen Fachkraft und einem Integrationshelfer und dazu kleinere Klassen“, zählt die Leiterin der Edith-Stein-Schule (ESS) auf. Dass bei ihrem Schüler Marvin, der zusammen mit einem weiteren Autisten eine 5. Klasse der Integrierten Gesamtschule besucht, nicht alles so klappt wie es der Gesetzgeber vorgesehen hat, ist für die Rektorin unbefriedigend. Zumal gerade Kinder wie Marvin Kontinuität brauchen, wie Kamarowsky berichtet. Dass die ihm in Form halbwegs durchgängigen Unterrichts nicht geboten werden kann, dass die Eltern deswegen verzweifelt sind und Kritik üben, liegt indes nicht an der ESS. Die habe sogar von der Ludwig-Dern-Förderschule, die den Einsatz von Förderkräften an Offenbachs Schulen koordiniert, zwei Förderschullehrer bekommen, sagt Kamarowsky.

Ein regelmäßiger Schulbesuch scheitert daran, dass bei Marvin im vergangenen Halbjahr zwei Integrationshelfer abgesprungen sind. Nur wenn ein solcher dabei ist, darf der Junge zum Unterricht, wobei die beiden Förderschullehrer zusammen nur acht Stunden pro Woche den beiden Autisten zugewiesen sind. Immerhin: Seit vorvergangenen Montag begleitet ein neuer Helfer Marvin im Unterricht.

Wille zur Umsetzung fehlt

Das System ist unverständlich, es mangelt an gesetzlicher Abstimmung: Während die Förderlehrer unter der Regie des Schulamts und auf der Grundlage von Landesgesetzen tätig sind, fallen Integrationshelfer in die Zuständigkeit der örtlichen Sozialbehörden, werden etwa von der Behindertenhilfe gestellt. Zudem gebe es für ihre Arbeit im maßgeblichen Sozialgesetzbuch, einem Bundesgesetz, noch keine Grundlage, sagt die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts, Birgitta Hedde.

Zirka 800.000 Euro hat Offenbach laut Zahlen aus dem Büro von Sozialdezernent Felix Schwenke für die „individuelle Schwerstbehindertenbetreuung“ im vergangenen Jahr ausgegeben. 2010 war es mit 430.000 Euro nur etwas mehr als die Hälfte. „Die Stadt Offenbach übernimmt zumindest bereitwillig die Kosten für Integrationshelfer“, berichtet Dorothea Terpitz von der Initiative Gemeinsam Lernen für Stadt und Kreis Offenbach (IGEL), die den neuen Helfer für Marvin vermittelt hat. Im Gegensatz zum Kreis, der sich weigere und es auf Gerichtsprozesse ankommen lasse.

Für IGEL-Vorsitzende Terpitz fehlt es der Landesregierung schlicht am Willen zur Umsetzung der Inklusion. Die sei zwar zur Regel erhoben, stehe aber unter einem „Ressourcenvorbehalt“, hänge also von der Finanzlage ab. Die durchschnittliche Anzahl von Förderstunden an Regelschulen liege in diesem Schuljahr hessenweit bei durchschnittlich 4,3 Stunden pro Kind und habe sich somit seit der Einführung des neuen Schulgesetzes 2011 verschlechtert.

Gesamtdeutsche Bemühungen sehen nicht viel besser aus

Das Land hat im August des vergangenen Jahres zwar einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vorgelegt, der sich als „Arbeits-, Informations- und Innovationsplan“ versteht und „Richtschnur der Politik von und für Menschen mit Behinderungen in Hessen“ sein soll. Doch der Landeselternbeirat fällt mit Blick auf die Inklusion in anderen Bundesländern ein vernichtendes Urteil: Hessen trage mit einigem Abstand wohl die rote Laterne, was die Umsetzung der Inklusion angehe.

Was die gesamtdeutschen Bemühungen um das gemeinsame Lernen angeht, sieht es nicht viel besser aus: Ungefähr eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind behindert, nur 22 Prozent von ihnen besuchen eine reguläre Schule, war vor kurzem auf Spiegel Online zu lesen. Die anderen gehen auf Sonder- oder Förderschulen und verlassen diese meist ohne Abschluss und Berufsperspektiven. Im internationalen Vergleich sind laut Bertelsmann-Stiftung durchschnittlich 85 Prozent der Kinder integriert.

Obwohl die Kultusministerkonferenz die Inklusion zum Top-Thema für dieses Jahr erklärt und bei den Ländern eine schnelle Umsetzung angemahnt hat, gilt wohl, was ESS-Leiterin Iris Kamarowsky sagt: „So lange die Dinge nicht optimal gelöst sind, bleiben vor allem die Eltern in der Pflicht.“

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