Behindertenbeirat spricht Probleme an

Inklusion: Behörden sollen auf Amtsdeutsch verzichten

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Der geplante Umbau des Marktplatzes, bei dem weitgehend auf Verkehrssignale verzichtet werden soll, stößt beim Behindertenbeirat nicht nur auf Zustimmung.

Offenbach - Rund 12.000 Menschen sind in Offenbach als schwerbehindert registriert. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa zehn Prozent. Und dabei sind nicht jene Personen mitgezählt, die eine leichtere körperliche oder psychische Einschränkung haben. Von Rebecca Röhrich 

Seit einem Jahr vertritt der Behindertenbeirat die Belange dieser Bürger. Mit großem Interesse und einer guten Portion Eigeninitiative verfolgt der Beirat um den Vorsitzenden Rainer Marx deshalb die Bemühungen der Stadt zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, zu der sich Deutschland bereits im Jahr 2009 verpflichtet hat. Diese Übereinkunft sieht eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Handicap vor. Die Gesellschaft soll inklusiv werden. Seit März dieses Jahres ist Ralf Theisen vom Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration damit beauftragt, den kommunalen Aktionsplan Inklusion zu erstellen. Eine Mammutaufgabe, denn Inklusion ist mehr als Integration. Denn gemäß des inklusiven Ideals soll der Mensch sich künftig nicht mehr der Gesellschaft anpassen müssen, sondern die Gesellschaft soll jeden Menschen in seiner Eigenheit akzeptieren.

Momentan befinde sich die Arbeitsgruppe, die sich aus Mitarbeitern aus Gesundheitsamt, Sozialamt, Jugendamt sowie Agentur für Arbeit zusammensetzt, noch in der Sondierung, erzählt Theisen der aufmerksamen Hörerschaft in der jüngsten Sitzung des Beirats. Aber Prioritäten habe man schon herausgearbeitet: Barrierefreiheit sowie eine „leichte Sprache“ seien im Interesse der Bürger.

So profitiere von einer vereinfachten Sprache bei Texten von Behörden und öffentlichen Internetseiten sowohl der geistig Behinderte als auch der Asylsuchende oder Migrant, der noch nicht ausreichend Deutsch verstehe. Klingt theoretisch gut, ist aber praktisch schwer umzusetzen. „Bestimmte Verwaltungsvorschriften können schlichtweg nicht vereinfacht werden“, ist nur eins der kleinteiligen Probleme, die Theisen aufzählt. Da müssten noch Konzepte entwickelt werden. Aber die Behörden seien motiviert.

Mit Sehbehinderten auf Tandemtour

Die Barrierefreiheit, das andere wichtige Thema, liegt dem Behindertenbeirat natürlich besonders am Herzen. Im Stadtverkehr gebe es diesbezüglich noch viel zu verbessern, so die einhellige Meinung. Gerade Blinde könnten sich nicht überall gut zurechtfinden. Auch was die aktuellen Pläne für die Umgestaltung der Innenstadt betrifft, bezweifelt der Beirat, ob tatsächlich sämtliche Bedürfnisse eingeschränkter Menschen beachtet werden. Zumal der Beirat keinen dauerhaften Sitz in der Verkehrskommission der Stadt hat. „Wir müssen frühzeitig Einsicht in die Pläne zum Beispiel beim Marktplatzumbau haben“, so Vorsitzender Rainer Marx.

Der angedachte „shared space“ also eine Planungsphilosophie, die zugunsten eines leichteren Verkehrsflusses auf sämtliche Verkehrssignale verzichtet, wäre ohne Berücksichtung der Bedürfnisse beeinträchtiger Menschen keineswegs für alle Bürger gut nutzbar. „Wir wollen ein Monitoring machen, ob die inklusiven Vorgaben eingehalten werden“, so Marx.

Ralf Theisen kommt die Expertise des Beirats sehr gelegen. Denn als Sozialplaner der Stadt hat er neben dem Thema Inklusion noch viele andere Aufgaben. Eigentlich ein bisschen zu viel für einen Einzelnen. Aber die Stadt hat kein Geld. „Während andere Kommunen sich ein stolzes Kreuzfahrtschiff für die Umsetzung der Inklusion leisten können, hat Offenbach lediglich ein selbst gezimmertes Floß ohne Motor“, bringt Marx die Situation auf den Punkt. „Aber die Ruderer sind motiviert!“, wirft ein Beiratsmitglied ein.

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