Innen ist der Kerl hohl

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Völlig losgelöst: So sah es aus, als der Mainfischer sich von seinem angestammten Platz an der Carl-Ulrich-Brücke verabschiedet hat.

Offenbach ‐ Als an der Carl-Ulrich-Brücke der große Straßenumbau begann, ist der „Mainfischer“ aus dem Blickfeld geraten. Das Standbild, das jeder Offenbacher kennt, wurde in einen Erholungsurlaub geschickt. Von Lothar R. Braun

Irgendwann im neuen Jahr 2010 wird es aus der Kur in einer Offenbacher Schlosserei zurückkehren, rechtzeitig zur Feier seines 75. Geburtstags im Juli. Dann wird die bronzene Wacht am Main in neuer Frische glänzen. Auf einem Pferdefuhrwerk ist die Figur am Morgen des 16. Juli 1935 aus der Frankfurter Kunstgießerei Komo nach Offenbach gelangt. Um 11.30 Uhr war sie auf dem Sockel an der Brücke montiert. „Er hält treue Wacht“ titelten die „Offenbacher Nachrichten“ am nächsten Tag.

Es hat schon manchen verwundert, dass der „Mainfischer“ eher aussieht, als gehe er bei Island auf Heringsfang. Ölzeug und Südwester gehörten auf dem Main auch bei den Berufsfischern alter Zeiten nicht zur Ausstattung. In ihrer Urform stützte sich die Figur außerdem auf einen für die Hochsee tauglichen Anker. Alles an ihr deutet auf Atlantikstürme, Trawler, Kabeljau und Hering.

Mit dem ursprünglichen Anker 18 Zentner schwer

Ursprünglich sprach denn auch kein Mensch von einem „Mainfischer“. Bildhauer Ernst Unger nannte sein Werk schlicht „Der Fischer“. An einer Mainbrücke wirkte die Plastik, als hätte sich einer verirrt. Aber als Fremdkörper mochte der Volkssinn den Salzwasser-Fischer nicht gelten lassen. Man wollte das stramme Mannsbild lieb haben. Erst in dieser Umarmung wurde aus dem Heringsfänger ein Süßwasser-Fischer, unser „Mainfischer“ eben.

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Zwei Meter groß, mit dem ursprünglichen Anker 18 Zentner schwer: In gelassener Monumentalität trägt der Bronzemann die Last der Jahre. Dabei ist er dünnhäutiger als man vermuten kann. Unter seiner nur sieben Zentimeter dicken Bronzehaut ist der Kerl hohl. Man hat ihn auch nicht in einem Stück gießen können. Die Kunstgießerei fertigte ihn in zwei Teilen an. Zuerst wurde die obere Körperhälfte gegossen, dann die untere. Man sieht es ihm nicht an.

Geformt wurde er nach einem Modell, das der Offenbacher Bildhauer Ernst Unger (1889-1954) geschaffen hatte. Der Sohn eines Offenbacher Gastwirts und Metzgers begann seine künstlerische Ausbildung schon als Fünfzehnjähriger an der Kunstgewerbeschule, einem Vorläufer-Institut der Hochschule für Gestaltung. Zu seinen Lehrern gehörte unter anderem der in Offenbach populäre Professor Ludwig Enders.

Später wurde Unger Meisterschüler des berühmten Frankfurter Malers und Plastikers Fritz Boehle. Gern hat er erzählt, wie oft er Boehle in Sachsenhausen zum Äbbelwoi begleiten musste. Das lässt den Meister als knorriges Original erscheinen. Auch in den Kneipen kannte man ihn als Berühmtheit, aber es störte ihn mächtig, wenn er dort angestarrt und beobachtet wurde. Da konnte er, so erzählte Unger, schon mal gallig bellen: „Was glotze Se mich aa?“

1919 bezog Unger ein eigenes Atelier

Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg kam der Soldat Unger in ein „Berufsübungslazarett für Kriegsbeschädigte“, das in der heutigen Hochschule am Schloss eingerichtet war. Professor Hugo Eberhardt, der Gründer des Deutschen Ledermuseums und Leiter der Technischen Lehranstalten, stand der Einrichtung als künstlerischer Leiter vor. Dort bald vom Patienten zur Lehrkraft aufgestiegen, schuf Unger 1915 den „Eisernen Mann“, ein mannshohes hölzernes Denkmal, das an Götz von Berlichingen erinnerte. Auf dem Aliceplatz konnte jeder gegen Geldspende einen Nagel erwerben und in das Holz schlagen, bis aus dem hölzernen ein eiserner Mann geworden war. Die Figur ist im Zweiten Weltkrieg mit anderen Beständen des Heimatmuseums verbrannt.

1919 bezog Unger ein eigenes Atelier, zuerst an der Schloss-, dann an der Mainstraße. Denkmäler sind dort entstanden, Figurenschmuck für Industriebauten und Hauszeichen. Beispielsweise das Hauszeichen der Lederwarenfirma Karl Seeger, das heute vor dem Unternehmensgebäude in Bieber-Waldhof steht. Unger hatte es nach einem Entwurf von Ludwig Enders gestaltet – eine koffertragende Merkurfigur, die auf einem Stier reitet.

Auch das Reichsluftfahrtministerium in Berlin, heute Sitz des Bundesfinanzministers, konnte Unger mit Plastiken anreichern. Dennoch wäre er wohl heute in Offenbach ein Vergessener, wenn es nicht am Main seinen Fischer gäbe.

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