Die Innenstadt wird leben

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Sind zuversichtlich, dass das Einkaufen in der Offenbacher Innenstadt künftig attraktiver sein wird (von links): Wirtschaftsförderer Jürgen Amberger, Großbäcker Dr. Georg Heberer, Moderator Karl-Heinz Stier, Textil-Ruheständler Lutz Bettermann und Buchhändler Volker Behrens.

Offenbach - 170 Jahre alt war das Modehaus Hassert an der Frankfurter Straße, als es 1999 für immer schloss. Warum er aufgab, berichtete der letzte Inhaber Lutz Bettermann im Erzählcafé der Arbeiterwohlfahrt im Hainbachtal. Es war die zehnte Veranstaltung in der von Karl-Heinz Stier moderierten Reihe. Diesmal ging es um die Entwicklung des Einzelhandels zwischen gestern und morgen. Von Lothar R. Braun

Bettermann beschrieb, was ihn hatte aufgeben lassen: Wettbewerbsdruck, verändertes Konsumverhalten und fortschreitendes Alter ohne einen Nachfolger. In einer anderen Situation sah sich die Wiener Feinbäckerei, für die ihr Senior Dr. Georg Heberer auf dem Podium Platz fand. Sie reagierte auf den Wettbewerbsdruck mit massiver Vergrößerung: „Um zu überleben, mussten wir uns ausdehnen.“ Das Unternehmen, das einst mit der noch heute betriebenen kleinen Bäckerei am Markt begann, verkauft seine Backwaren mittlerweile in mehr als 500 Verkaufsstellen, davon sind 100 in Berlin. Es produziert in Mühlheim, Berlin, Weimar und Dresden.

An ein gedeihliches Fortleben ohne Ausdehnung glaubt hingegen Buchhändler Volker Behrens. Er setzt auf Kundenbindung durch individuellen Service, Beratung und intensive Kontaktpflege. „Erfolg ist, wo das Einkaufen von der bloßen Bedarfsdeckung zum Erlebnis wird.“ So etwa sieht er das. Dass es jetzt in Offenbach nur noch zwei von den Inhabern geführte Buchhandlungen gibt, beraubt Behrens nicht seiner Zuversicht.

Das vom Inhaber geführte Geschäft war einst die vorherrschende Einzelhandelsform. Mittlerweile beherrschen das Bild in den Innenstädten die Kettenläden, Billigshops und uniformierten Discounter, während an der Peripherie die Großanlagen mit den riesigen Parkflächen wuchsen. Es hat die Eigenart verdrängt, die Stadtzentren gleichen einander wie Serienprodukte.

Doch das scheint sich zu ändern. Jürgen Amberger, der Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung, meint es zu erkennen. Im September wird am Aliceplatz das Einkaufszentrum KOMM eröffnet werden. Nicht wenige seiner Läden werden inhabergeführte Geschäfte sein, versicherte Amberger im Erzählcafé. Er ist sicher: „Der Trend geht zurück in die Innenstadt“.

Manchen mag es überrascht haben, dass sowohl der vor Temperament sprudelnde Heberer, als auch der kühle Bettermann, der bedächtige Behrens und Stimmen aus dem Publikum den Verlust der Straßenbahnlinie 16 beklagten. Mit ihr habe Offenbach die Kunden aus Oberrad verloren. Behrens lastet dem Verlust der Straßenbahn einen Umsatzrückgang von 30 Prozent an.

Allerdings wurden auch die Kunden nicht freigesprochen: „Verlangt wird nicht mehr das Gute, sondern das Billige“. Bei Heberer klang das so: „Gutes Brot ist etwas anderes als billiges Brot“.

Ratlos stimmt den Wirtschaftsförderer die oft zu hörende Klage, in Offenbach sei es schwierig, Parkplätze zu finden. Amberger sieht in allen Parkhäusern leere Flächen. Die Gesamtzahl der Parkplätze im Kern der Stadt beziffert er mit 5 000.

Es war ein interessanter Nachmittag im Erzählcafé. Er hat die Optimisten bestätigt und den Zweiflern Mut gemacht. Volker Behrens sprach es aus: „Die Innenstadt wird wieder leben!“ 

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