1909 wurde Großherzogliches Gymnasium eingeweiht: Blick zurück und nach vorn bei Jubiläumsfeier

Innovative Tradition

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Rosen fürs Geburtstagskind: Viele hundert Gäste gratulierten am Samstag zum 100. des Leibniz-Altbaus in der Parkstraße.

Offenbach - Zur Feier des Hundertjährigen vermischen sich an der Parkstraße Generationen, die im markanten Altbau der Leibnizschule gelernt und gelehrt haben. +++ Fotostrecke +++ Von Thomas Kirstein

Das bringt prickelnde Begegnungen: Im ersten Stock bewundert der Besucher ein Schwarzweißfoto aus den 60ern, auf dem Schüler mit dem gefürchteten Physikpauker D. diskutieren, und kurz darauf biegt derselbe D. leibhaftig und rüstig-gereift um die Ecke. Sportliche Erinnerungen kommen beim Betreten der Turnhalle hoch, wo 199 (mehr dürfen feuerpolizeilich nicht rein) Gäste und Akteure eine ausgesprochen bunte und gar nicht trocken-akademische Feier gestalten und genießen: Hier war’s doch, wo etliche Leibniz-Jahrgänge beim Sitzfußball auf dem Turnhosenboden herumrutschen mussten.

Bilder der Jubiläumsfeier

100 Jahre Leibniz-Altbau

Anlässlich der Geburtstagsfeier dient die Halle im Seitenflügel wie zur Einweihung vor hundert Jahren als Aula. Einiges mehr ist wie am 24. September 1909, vormittags ab „½ 11 Uhr“: Glucks „Festgesang“ aus „Iphigenie in Aulis“ ertönt, diesmal vorgetragen vom Lehrerquartett; Schüler bieten Altsprachliches - damals Sophokles’ „Ajas“, heute eine Schulszene aus dem alten Rom.

Die Leibnizschule, hervorgegangen aus der 1691 gegründeten Lateinschule, hält die humanistische Bildung hoch. Man will, wie es auch in der umfangreichen Festschrift deutlich wird, „Tradition, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpfen“. So sagt es in einer launigen Festrede Christoph Dombrowski, nur noch kurze Zeit der lediglich kommissarische Leiter der Leibnizschule, die ihren Hauptsitz seit 1972 freilich in der Brandsbornstraße hat.

Christoph Dombrowski leitet eine Schule, in der sich Tradition und Moderne verbinden. Das zeigte sich bei der akademischen Feier und beim Schulfest.

Den heutigen Altbau bezeichnete 1909 der damalige Direktor Dr. Ludwig Buchhold als „schönste Schule im Lande“. Er ist immer noch ein Prachtbau, mit seinem Uhrtürmchen, seiner Freitreppe, seinem Zierbrunnen im Foyer, und er erfüllt auch als Baudenkmal weiterhin seinen Zweck. Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, Offenbachs Schuldezernent, preist ein „bauliches Juwel“ mit einer engagierten Schulgemeinde: „Als Stadtväter freuen wir uns über eine gute Substanz, ganz anders als die Schulbauten aus den 60er, 70er Jahren, die zum Teil gar nicht mehr stehen.“ 1,1 Millionen, so kündigt Weiß an, wird die Stadt demnächst in die Sanierung von Fassade, Fenstern und Fluchttreppenhäusern stecken.

Die Mauern atmen Geschichte, muffig ist aber nichts. „Die Leibnizschule zehrt nicht nur von ihrem Ruf und ihren Traditionen“, sagt Direktor in spe Dombrowski. „Wir möchten eine starke, innovative, inspirierende Schule bleiben.“ Das einstige Elite-Gymnasium für Knaben muss und will heute Integration leisten, von den 1440 Schülerinnen und Schülern hat ein Drittel nichtdeutsche Wurzeln, es gilt auch soziale Benachteiligungen auszugleichen. Soziale Kompetenz lernen Leibnizer auch durch die enge Partnerschaft des Gymnasiums mit der Fröbelschule für Praktisch Bildbare.

Die Klasse 7c ließ an ihrem Stand die Hippiezeit aufleben.

Die Leibnizschule, das wird bei Feier und anschließendem Fest auf dem Hof deutlich, kann sich auch auf großes Engagement nicht nur der aktuellen Elterngeneration stützen. Die „Ehemaligen“, Lehrer wie Schüler, mischen kräftig mit. Einer davon ist der frühere Citymanager Klaus Hansen, dessen Vater Harald als Kunstlehrer ein Leibniz-Urgestein war. Er hilft als „Projektmanager“, Zusammenarbeit in Bahnen zu lenken. „Einem hundertköpfigen Kollegium muss man schon helfen, sich untereinander besser kennen zu lernen“, verrät er. Im Namen des Elternbeirats kann dessen Vorsitzender Dr. Frank Schlömer, selbst Leibniz-Abiturient, schwärmen: „Ich finde, wir sind eine tolle Schulgemeinde.“ Da will ihm Detlev Kohsow, der Vorsitzende des sehr aktiven Fördervereins, gar nicht widersprechen.

Eine Modenschau belegte die Internationalität des ältesten Offenbacher Gymnasiums.

Wenn die Stimmung an diesem schönen, nur kurz durch Nieselregen befeuchteten, Sommer-Samstag Gradmesser sein darf, herrscht an der Leibnizschule heutzutage atmosphärisch eitel Sonnenschein. Das von den Lehrern Christine Herbert, Werner und Klein und Nora Varga vorbereitete und bestens angenommene Fest ist Genuss für Auge, Ohr und Gaumen.
Oberbürgermeister Horst Schneider weiht die neue Kletterwand ein; auf der Bühne legen Schüler-, Schul- und Bigband mächtig los; es gibt Modenschauen, die Historie und Internationalität verdeutlichen, Tanz, Gaukler - und Lehrerparodien.
Diese sind heute ungestraft möglich. In den alten Zeiten des Großherzoglichen Gymnasiums hätte Spott womöglich im Karzer enden können. Die Arrestzelle ist im Keller des Gebäudes noch immer vorhanden. In der Unterwelt des Altbaus wird zum Jubiläum Erinnern (für frühe Generationen) und Gruseln (für die Spätgeborenen) geboten. Der Geschichtsleistungskurs von Lehrer Walter Ponszek hat dort originalgetreue Luftschutzräume wie in den Weltkriegsjahren eingerichtet.

Die Latein-Theatergruppe begeisterte mit einem Theaterstück in einer sehr lebendigen toten Sprache.

Das Haus könnte viele Geschichten erzählen“, meint Christoph Dombrowski. Vielleicht beherbergt es ja auch Phantome wie jenes der Oper. Das hat dank Schulchor und Theater AG in der Turnhalle seinen Auftritt: Der zur Geselligkeit im Freien überleitende fulminante Schlusspunkt des akademischen Teils wird frenetisch beklatscht. Ein Beifall, den sich die Schule eigentlich für ihre gesamte Jubiläumsfeier verdient hat.

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