Leichenschau

Inspektion als letzter Dienst am Menschen

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Amtsärztin Dr. Barbara Schneider, Polizist Marc Dejon und Krematoriumsmitarbeiter Bernd Hornof im Kühlraum des Krematoriums auf dem Neuen Friedhof.

Offenbach - Im Krematorium werden Spuren vernichtet. Zweite Leichenschau ist in Hessen eine Pflicht. Von Markus Terharn

Weißer Ganzkörperanzug, Handschuhe und Mundschutz sind ihre Arbeitskleidung. Dr. Barbara Schneider ist eine von derzeit vier Ärztinnen im Stadtgesundheitsamt, die zur zweiten Leichenschau ins Krematorium am Neuen Friedhof kommen. Sie untersuchen bis zu 6000Tote im Jahr. Ohne ihre Unterschrift wird niemand eingeäschert. „Die erste Leichenschau wird am Sterbeort vorgenommen“, erläutert die Amtsärztin. In der Regel gibt es einen Leichenschauschein, den sie auf Formalien prüft: Lesbarkeit, Stempel, Unterschrift.

Wichtigste Frage ist aber, ob die Kausalkette schlüssig ist. Beispiel: „Todesursache ist Herzversagen als Folge eines Infarkts, der auf Verengung der Herzkranzgefäße zurückgeht, die auch hohen Blutdruck hervorgerufen haben“ – das klingt plausibel. Oder: Der Patient starb an Lungenentzündung, verursacht durch langes Liegen nach einem Oberschenkelhalsbruch. Aber rührt eine Hirnblutung nun von einem Schlaganfall, einem Sturz oder einem Schlag her?

Schneider unterscheidet zwischen Todesursache und Todesart. Bei letzterer gibt es drei Möglichkeiten: Natürlich, unnatürlich oder ungeklärt. „Viele Ärzte kreuzen ,ungeklärt’ auf dem Schein an, obwohl sie meinen, dass die Ursache unbekannt ist“, bedauert die Amtsärztin. „Es ist aber nur gefragt, ob natürlicher Tod – Krankheit – oder unnatürlicher Tod – Unfall, Suizid, Tötung – vorliegt.“

Klarheit schafft die äußere Inspektion des ausgezogenen Leichnams. Passt das Erscheinungsbild zur Diagnose? Gibt es verdächtige Verletzungen oder Einblutungen? „Wenn ich Zweifel hege, halte ich Rücksprache mit dem Hausarzt, der Sterbeklinik oder dem Arzt, der den Schein ausgestellt hat“, erläutert die Medizinerin. Bei hartnäckigem Verdacht auf nicht natürlichen Tod wird die Leiche vom Amt „angehalten“, wie das heißt. Dann geht eine Meldung an die Kripo raus.

Und es schlägt die Stunde von Marc Dejon, bei der Offenbacher Polizei für Todesermittlungen und Tötungsdelikte zuständig. Er schaut sich den Toten an, kann die Krankenakte beschlagnahmen, Ärzte oder Angehörige befragen, auch den Fundort des Leichnams aufsuchen. Ob dieser zur Verbrennung freigegeben oder ob er erst obduziert wird, ob ein toxikologisches Gutachten erforderlich ist, all das entscheidet der Staatsanwalt. Und das kann einige Tage dauern. „Im Fernsehen sind die oft schneller als wir“, lacht Dejon.

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„Anhaltungen“ gibt es 60 bis 120 im Jahr. Dejon war 2012 fünfmal im Krematorium. Dass da ein Verbrechen aufgedeckt wurde, hat er nie erlebt. Als Hauptursachen nennt Schneider: Fehlklassifizierung der Todesart, unzureichende Kausalkette und fehlende oder unvollständige Todesbescheinigung mit je 20 bis 30 Fällen, gefolgt von suspekten Veränderungen an der Leiche (wie Hämatome), etwa zehn jährlich.

Unangenehm wird es für Dr. Schneider, von Haus aus Kinderärztin, wenn die Leiche länger gelegen hat. „Da gibt es alle Stadien der Verwesung: Fäulnis, Blasen, Maden...“ Auch wenn sie Kinderfotos, Briefe oder Teddybären im Sarg findet, geht das der 52-Jährigen nahe. Obwohl es seit 1986 Teil ihres Berufs ist.

Hetzen lässt sich Barbara Schneider indes nicht; auch wenn Hinterbliebene oder Bestatter manchmal Druck machen. Ihr Ethos: „Es ist der letzte Dienst, den ich einem Menschen erweisen kann!“

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