Integration scheitert auf der ganzen Linie

Ayad Akhtars „Geächtet“ bei der TheaterEssenz Offenbach

Offenbach - Mehr als 200 Jahre ist es nun her, dass Gotthold Ephraim Lessing mit seinem Stück „Nathan der Weise“ eine Versöhnung der Weltreligionen meisterhaft dramatisierte. Von diesem Optimismus ist bei Ayad Akhtars preisgekröntem Stück „Geächtet“, zu sehen in der Reihe „TheaterEssenz“ im Offenbacher Capitol, nichts zu spüren. Von Sebastian Krämer

Protagonist Amir (Patrick Kahatami) ändert seinen Nachnamen und seine Sozialversicherungsnummer, um in den USA nicht als Moslem erkannt zu werden. Tatsächlich scheint diese Rechnung zunächst aufzugehen. Gemeinsam mit seiner attraktiven Frau, der Künstlerin Emily (Natalie O’ Hara), wohnt er in einem exklusiven Loft in der New Yorker Upper East Side und arbeitet erfolgreich als Wirtschaftsanwalt. Zudem ist er mit Emilys jüdischem Kurator Isaac (Markus Angenvorth) und dessen Ehefrau Jory (Jilian Anthony) befreundet. Gemeinsam mit der Afroamerikanerin plant er, in der Kanzlei Karriere zu machen.

Die scheinbar heile Welt findet allerdings ihr jähes Ende, als Amir von seinem Neffen Abe (Christopher Gollan) und seiner Frau dazu gedrängt wird, sich für einen Imam vor Gericht einzusetzen und bei einem scheinbar harmlosen Dinner mit Isaac aneinandergerät. Am Ende verliert Amir alles. Die Kanzlei feuert ihn und seine Frau lässt sich scheiden.

Das im Capitol dargebotene Setting ist altbewährt, erfreuen sich doch Wohnzimmerdramen im Stile von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ auf den internationalen Bühnen oder Kinoleinwänden einer ungebrochenen Beliebtheit.

Nachdenklich muss allerdings die Botschaft des Stückes stimmen; Im Zuge eines unerbittlichen Determinismus’ entwickelt sich der scheinbar integrierte pakistanische Anwalt zum Prügelehemann. In Form eines „Anti-Nathans“ tritt Amirs jüdischer Freund Isaac mehr als Brandstifter, denn als Versöhner auf, etwa als er dem Freund vorwirft: „Merkst du nicht, dass Du Dich selbst verabscheust?“, woraufhin Amir später gesteht, bezüglich der Terroranschläge vom 11. September 2001 einen gewissen Stolz verspürt zu haben. Als dann noch ein One-Night-Stand zwischen Emily und Isaac ans Licht kommt, brechen bei Amir alle Dämme.

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Wenig verwunderlich erscheint vor diesem Hintergrund, dass der US-amerikanische Autor und Sohn pakistanischer Einwanderer Lessings Religions-Utopie als „Lüge“ bezeichnet. Glänzend inszeniert das Schauspielensemble unter der Leitung von Phillipp Matthias Müller das mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnete Stück. Hierbei weiß insbesondere Kahatami in seiner ambivalenten Rolle zu brillieren. Offen bleibt allerdings am Ende des knapp zweistündigen Stückes die Frage, welche Botschaft das Stück in Zeiten von US-Präsident Trump zu vermitteln vermag. Endet es doch mit der auf ganzer Linie gescheiterten Integration des Protagonisten.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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