IHK Offenbach schlägt Alarm

Interesse an Lehrstellen sinkt

Offenbach - In Offenbach streben immer weniger junge Leute eine Ausbildungsstelle an. Flüchtlinge könnten die Lücke teils schließen, hieß es. Zudem wird eine bessere Berufsorientierung an Schulen angemahnt. Von Marc Kuhn 

In Stadt und Kreis Offenbach geht die Zahl der Jugendlichen, die sich um eine Ausbildung bemühen, rapide zurück. Gleichzeitig hoffen Unternehmen sowie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, Lehrstellen in Zukunft auch mit jungen Flüchtlingen besetzen zu können. Friedrich Rixecker, Geschäftsführer für den IHK-Bereich Aus- und Weiterbildung, sprach gestern von einer großen Bereitschaft der Firmen, „sich solcher Menschen anzunehmen“. Nach den Worten des Vizepräsidenten der Kammer, Hans-Joachim Giegerich, bemüht sich die IHK, Flüchtlinge in Praktika, Einstiegsqualifikationen oder Ausbildung zu bekommen. Dafür sei bei der Kammer eine zusätzliche Referentenstelle geschaffen worden, die jetzt besetzt werden soll.

„Wir sind auf einer Lernkurve“, sagte Rixecker mit Blick auf die Flüchtlinge. Die Rahmenbedingungen würden sich fast täglich ändern. Bei dem Bemühen um Flüchtlinge müssten IHK, Arbeitsagenturen, Jobcenter und Ausländerbehörden Hand in Hand arbeiten, forderte Rixecker. Die Kompetenzen der Menschen festzustellen, sei eine Herausforderung. Thomas Iser, Chef der Agentur für Arbeit Offenbach, erinnerte daran, dass vor ein paar Tagen in Dietzenbach ein Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge eröffnet worden sei. Die Mitarbeiter bemühten sich darum, Profile der Flüchtlinge zu erstellen.

Fast das Niveau des vergangenen Jahres

Der regionale Lehrstellenmarkt kann sie gut brauchen. „Im Ausbildungsjahr 2014/15 waren bei der Offenbacher Arbeitsagentur 2 772 Bewerberinnen und Bewerber gemeldet, 538 Personen oder 16,3 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum“, berichtete Iser. „Bei den gemeldeten Ausbildungsstellen gab es ebenfalls einen Rückgang, aber verhaltener: Bei einem Minus von 3,6 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr wurden unserem Arbeitgeberservice von den Betrieben 2 004 Ausbildungsstellen gemeldet.“ Fast 240 Lehrstellen konnten nicht besetzt werden. 70 Jugendliche sind noch auf der Suche nach einen Ausbildungsplatz.

Mit 1 322 neuen Lehrverträgen erreichte die IHK im aktuellen Ausbildungsjahr fast das Niveau des Vorjahres. Die Zahl ging um zwei Prozent zurück. Besser sieht die Situation im Handwerk aus. Bernd Sieber, Leiter des Geschäftsbereichs berufliche Bildung der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, erklärte: „Entgegen dem Trend auf Hessen-Ebene und im Gesamt-Kammerbezirk verzeichnet das Handwerk in Offenbach Stadt und Land mit insgesamt 604 neu abgeschlossenen Berufsausbildungsverträgen ein Plus von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“

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Angesichts der gesunkenen Bewerberzahlen erklärte IHK-Vizepräsident Giegerich: „Der Trend zur Hochschule ist ein Problem.“ Er sprach von einer bedenklichen Entwicklung und verwies auf die Offenbacher Schulabgangsbefragung. Danach würden sich nur noch rund 15 Prozent der Schüler, die kurz vor dem Erwerb des Hauptschulabschlusses oder der mittleren Reife stehen, für eine betriebliche Ausbildung interessieren. Auch steigende Abbrecherquoten an den Universitäten würden nicht abschrecken. Für die zurückgehenden Bewerberzahlen ist nach den Worten von Iser auch der demographische Wandel und der Trend zu höheren Schulabschlüssen verantwortlich. Die Zahl der Schulabgänger sei in Offenbach von etwa 4 500 auf rund 4 000 gesunken. Darüber hinaus sprach Iser von einer teils „nicht vorhandenen Ausbildungsreife“ und mahnte eine intensivere Betreuung der Schüler an.

Giegerich kritisierte: „Schulen bereiten nicht auf das Leben vor, die arbeiten Lehrpläne ab.“ Deshalb verlangte er ebenso wie Iser eine bessere Berufsorientierung an Schulen. Rixecker sagte, die Lehrerfort- und Weiterbildung müsse „auf komplett neue Füße“ gestellt werden. Die Pädagogen müssten „berufliche Kontexte erleben“. Und Sieber sprach sich für eine Art Technikunterricht an Schulen aus, um Jugendliche für Ausbildungsberufe zu interessieren. „Dann wäre für manchen Schüler der Weg vorgezeichnet.“

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