Migranten als Chance für Offenbach

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Frankfurt - Der hohe Anteil von Migranten bietet Offenbach Chancen und Risiken, sagt Frank Martin, Chef der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit.

Wie haben sich die Arbeitslosenzahlen im Juni in Offenbach entwickelt?

Wir haben eine unauffällige Entwicklung gegenüber den Vormonaten. Gegenüber dem Vorjahr ist die Arbeitslosigkeit gestiegen. In diesem Jahr ist der Frühjahrsaufschwung ausgeblieben. Die genauen Zahlen werden heute veröffentlicht.

Und in Hanau?

Der Main-Kinzig-Kreis steht in der Arbeitslosenquote noch etwas besser da als der Landkreis Offenbach, auch wenn sich im letzten Jahr die Anzahl der Arbeitslosen erhöht hat.

Wie viele Menschen, die von der Insolvenz von manroland betroffen waren, haben wieder eine Arbeit gefunden?

Etwa Zweidrittel der Menschen, die in die Transfergesellschaft gewechselt sind, haben einen Job gefunden. Ein Teil ist weggezogen oder in Rente gegangen. 240 Betroffene oder 26 Prozent haben keinen Arbeitsplatz gefunden. Mit Blick auf andere Großinsolvenzen ist das keine schlechte Zahl.

Warum fallen in Offenbach im hessenweiten Vergleich viele Stellen weg?

In der Stadt gibt es eine deutlich höhere Arbeitslosenquote als in Hessen. Im Kreis ist sie unterdurchschnittlich. In den vergangenen Jahren gab es einige Großinsolvenzen in Offenbach, in der Nähe von Offenbach. Dazu zählen manroland und Neckermann. Viele Betroffene hatten ihren Wohnsitz in Offenbach. Das ganze Umland ist betroffen. Wir haben in Offenbach aber auch Bevölkerungsstrukturen, die nicht typisch für Hessen sind. Sie bringen Vor- und Nachteile mit sich.

Das heißt konkret?

Am auffälligsten ist natürlich die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund. In der Stadt haben fast 70 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund. Die Bevölkerung ist überdurchschnittlich jung. Es gibt einen auffällig niedrigen Anteil an höher Qualifizierten. Deshalb ist es mal interessanter, mal uninteressanter für Arbeitgeber, sich hier anzusiedeln.

Warum sind Menschen mit Migrationshintergrund besonders oft arbeitslos?

Die Frage ist immer, was war zuerst da? Waren die Menschen zuerst arbeitslos oder wohnten sie zuerst in Offenbach? Oft können es sich Menschen ohne Arbeit nicht leisten, im Umland zu wohnen. Besserverdienende ziehen meist aus Großstädten heraus.

Die Bundesagentur hat kürzlich einen Migrationsbericht veröffentlicht. Wie sehen die Aussagen für Offenbach aus?

Bei dem Migrationsthema gibt es Chancen und auch Risiken. Da Offenbach einen sehr, sehr hohen Anteil von Migranten hat, gibt es enorme Vorteile bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels. Die Folgen der alternden Bevölkerung schlagen sich natürlich viel weniger in Städten mit vielen Kindern nieder. In Offenbach gibt es viel mehr Menschen unter 15 Jahren als im Hessenschnitt. Und: Seit dem Jahr 2000 ist die Bevölkerung um mehr als vier Prozent gewachsen. Darum würden sich nordhessische Kreise reißen. In Kassel liegt der Anstieg bei 0,9 Prozent. Bei der Frage des Fachkräftemangels ist es natürlich hilfreich, wenn Menschen zuziehen.

Wo liegen die Risiken bei der Migrationsfrage?

Es gibt viele Fragen, die nicht gelöst sind. Beispielsweise die Beschäftigung von Frauen. Die Quoten sind immer nieder als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Es gibt bei Migranten einen deutlich überhöhten Anteil von Menschen ohne irgendeinen Schulabschluss, die schlechte Chancen am Arbeitsmarkt haben.

Es gibt also Potenzial zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Wie kann es genutzt werden?

Ein Beispiel sind Kinderbetreuungsplätze für Kinder bis sechs Jahre. Da hat Offenbach sicherlich Aufholpotenzial, weil die Stadt leicht hinter den hessischen Werten liegt.

Was zeigt der Bericht noch?

Bei den Auszubildenden gibt es eine enorme Bewegung raus aus Offenbach. Viele pendeln nach Frankfurt.

In welchen Bereichen werden Arbeitsplätze in der Region geschaffen?

In Offenbach gibt es, was viele nicht wissen, einen überdurchschnittlichen Anteil an Jobs im Dienstleistungsgewerbe. Viele denken, Offenbach ist der produzierende Teil des Rhein-Main-Gebiets. Das ist nicht richtig.

Wie sieht es mit befristeten Jobs in Stadt und Kreis aus?

Generell gilt: Mehr als die Hälfte der neuen Stellen sind nicht befristet. Der überwiegende Teil der befristeten Jobs wird zudem entfristet.

Sind in Offenbach mehr Männer oder Frauen arbeitslos?

Im Mai waren 52 Prozent der Arbeitslosen Männer und 48 Prozent Frauen. Männer sind von der Verschiebung vom produzierenden in den Dienstleistungsbereich stärker betroffen.

Gibt es viele Pendler?

Es gibt eine enorme Pendler-Quote. Aus der Stadt pendeln 67 Prozent der Arbeitnehmer ins Umland. Deshalb ist Offenbach nicht nur von Problemen auf dem dortigen Arbeitsmarkt betroffen, sondern auch von denen aus dem Umland. Aber: 71 Prozent der Menschen, die in Offenbach arbeiten, wohnen dort nicht.

(ku)

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