Das Loslassen fällt schwer

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Klaus Kahlert ist bei der Commerzbank in Offenbach für die Firmenkunden zuständig.

Offenbach - In vielen Unternehmen in Stadt und Kreis Offenbach muss bald ein Nachfolger des Chefs gesucht werden. Das Thema sollte nicht auf die lange Bank geschoben werden, meint Klaus Kahlert von der Commerzbank im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn in Offenbach.

Die Gesellschaft altert. Mit ihr die Unternehmer. Werden Nachfolger gesucht?

Etwa ein Drittel der Unternehmen sucht in den nächsten Jahren eine Nachfolge-Regelung. Die Zahl gilt für Deutschland. In Offenbach sieht es ähnlich aus. Es ist ein Thema, was ständig angesprochen werden muss. Nachfolge ist für jeden Unternehmer eine besondere Herausforderung. Es gibt kein generelles Konzept. Wir erarbeiten maßgeschneiderte Lösungen.

Kommt ein Unternehmen in Schwierigkeiten, wenn die Nachfolge nicht rechtzeitig geregelt wird?

Absolut. Das ist aber der Einzelfall. Meist wird in der Familie ein Nachfolger gefunden.

Wie sieht es in der Praxis konkret aus?

Ungefähr 80 Prozent der Firmen bleiben im Familienbesitz - auch in Offenbach.

Vernachlässigen die Offenbacher Unternehmer das Thema Nachfolge?

Unbewusst ja. Wenn wir sie ansprechen, kommen wir ins Gespräch. Was den meisten Unternehmern nicht ganz klar ist, ist die Tatsache, dass sich eine Unternehmensnachfolge nicht allein auf den Wechsel des Geschäftsführers bezieht, sondern immer auch dann vorliegt, wenn es eine Veränderung der Gesellschafter-Verhältnisse gibt. Damit verschieben sich nämlich auch oft die Mitbestimmungsrechte.

Kommen die Firmen auch von sich aus auf das Thema zu sprechen?

In der Regel geben wir seitens der Bank den Anstoß. Die Unternehmer sind da eher zurückhaltend.

Ein Fehler?

Ja, denn je älter der Unternehmer ist, desto mehr Gedanken sollte er sich machen. Ohne klare Nachfolgeregelung werden oftmals keine zukunftsweisenden Entscheidungen mehr getroffen. Das tut der Firma nicht gut.

Warum kümmern sich Unternehmer nicht rechtzeitig um die Nachfolge-Regelung?

Die Unternehmer können schlecht loslassen. Das kann ich menschlich auch gut verstehen. Sehen Sie: Das ist ihr Unternehmen, das sie aufgebaut haben. Wie ein Kind, das sie großgezogen haben. Die Geschäftsführer - gerade im Familienbetrieb - hängen sehr an dem, was sie geschaffen haben - ebenso an ihren Mitarbeitern. Genau das sehe ich aber als extrem positiv an. Der deutsche Mittelstand ist mit Herzblut Unternehmer.

Welche Möglichkeiten gibt es bei der Nachfolge in der Familie?

Diverse. Ausschlaggebend ist, was der Kunde will. Der Unternehmer kann die Firma vererben oder verschenken. In Amerika werden Unternehmen oft an die Nachkommen verkauft, damit der ausscheidende Senior-Unternehmer eine gesicherte Rente hat. Das ist in Deutschland anders. Hier haben die Unternehmer während der aktiven Arbeitszeit ihre Altersversorgung aufgebaut. Die Betriebe werden meist vererbt beziehungsweise verschenkt. In beiden Fällen fällt Steuer an. Beim Verschenken und Vererben gibt es Freigrenzen und Gestaltungsmöglichkeiten, sodass man immer auch den steuerlichen Aspekt im Auge haben sollte.

Was ist für den Unternehmer sinnvoller: Vererben oder verschenken?

Das kommt auf die Größe der Firma und den Unternehmenswert an. Häufig weiß der Unternehmer gar nicht, welchen Marktwert seine Firma hat. Oft ist eine Kombination aus Vererben und Verschenken empfehlenswert.

Und wenn es keinen geeigneten Nachfolger in der Familie gibt?

Dann sollte über einen strategischen Investor nachgedacht werden. Alternativ über einen Finanzinvestor oder den Verkauf an das Management oder die Mitarbeiter.

Was sollte ein Unternehmer in diesem Fall bedenken?

Neben Punkten wie dem Verkaufspreis oder Weiterführung des Geschäftsmodells sollte auch die Standortfrage besprochen werden Bleibt der Standort erhalten? Meistens ist das dem Unternehmer wichtig wegen seiner Mitarbeiter. Ein Unternehmer hängt ja in der Regel an seinen Mitarbeitern. Er kann also beim Verkauf einen Beitrag dazu leisten, dass über den Erhalt des Standortes auch Arbeitsplätze gesichert werden. Beim Verkauf an ein großes Unternehmen bleibt manchmal nur die Produktionsstätte übrig. Ein Finanzinvestor, oft gescholten weil auch zu wenig positive Beispiele bekannt sind, sorgt im Sinne der Mitarbeiter häufig dafür, dass das Unternehmen am bisherigen Standort erhalten oder sogar erweitert wird.

Wie geht Ihre Bank vor?

Nachfolge ist Chefsache. Es geht um das Lebenswerk des Unternehmers. Wegen dieser hohen Bedeutung für unsere mittelständischen Kunden ist das Thema Nachfolge auch bei uns in der Commerzbank Chefsache. Wichtig für uns zu wissen ist nach Ausscheiden des Senior-Unternehmers auch, wer künftig unser Gesprächspartner ist. Wir empfehlen daher Unternehmern, frühzeitig eine zweite Führungsebene aufzubauen, um einen fließenden Geschäftübergang sicherzustellen. Eine geklärte oder ungeklärte Nachfolgeregelung hat nämlich auch Einfluss auf das Rating, also den „Gesundheitszustand“ der Firma. Das Rating wiederum hat Einfluss auf die Kreditkonditionen.

Ist für die Bank die Gestaltung einer Nachfolgeregelung auch eine gute Geschäftsmöglichkeit?

Es ist ein Auszug aus unserem Dienstleistungsspektrum, das einen Preis hat. Wir halten die Beratung zur Unternehmens-Nachfolge für sehr wichtig, um die Firma und den Unternehmer auf finanziell sichere Beine zu stellen. Das ist das Fundament für die Zukunftssicherheit der Firma.

Wie lange dauert die Phase der Übertragung eines Unternehmens?

Konzepte zur Unternehmesnachfolge werden immer gemeinsam mit Steuerberatern und Juristen erarbeitet. Die Prüfung, Beratung und die Erstellung eines Konzeptes für die Nachfolgeregelung dauert weniger als drei Monate. Wir sichten die Unterlagen, führen Gespräche mit den Gesellschaftern und Familienmitgliedern. Dann erst erarbeiten wir ein Konzept. Die Commerzbank hat Fachleute wie Herrn Dr. Beckmann, Abteilungsleiter für Unternehmensnachfolge, mit seinem Team in der Zentrale. Er hat als Mitherausgeber das Buch „Unternehmensnachfolge im Mittelstand“ geschrieben, das auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde.

Warum die Zusammenarbeit mit Steuerberatern und Juristen?

In allen Umfragen steht, dass die steuerlichen Aspekte für den Unternehmer ganz wichtig sind. Danach kommen die Themen Beratung und Finanzierung.

Welche Aspekte sind für einen Unternehmer denn noch wichtig?

Die Kontinuität als mittelständisches Unternehmen. Die meisten Unternehmer wollen, dass ihr Unternehmen auch ein mittelständisches bleibt. Wichtig ist den Firmenchefs auch die Altersabsicherung und die Minimierung der Liquiditätsbelastungen durch die Erbschaftssteuer. Die ist nicht zu unterschätzen und kann bis zu 50 Prozent betragen.

Kann das existenzgefährdend sein?

Ja, das kann leider vorkommen, wenn man sich nicht frühzeitig mit der Unternehmensnachfolge beschäftigt hat.

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