Offenbacher Präventionsexperte im Interview

Beispiel Tugce: Wie zeigt man Zivilcourage?

Offenbach - Gewalt verhindern und zu einem möglichst sicheren Gemeinwesen beitragen - das gehört zu den vornehmsten Aufgaben von Frank Weber.

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Der 54-Jährige ist Leiter der Geschäftsstelle Kommunale Prävention in Offenbach und stellvertretender Leiter des Ordnungsamtes der Stadt, in der er auch wohnt. Unser Redaktionsmitglied Ralf Enders sprach mit ihm über den Fall Tugce, Zivilcourage und Gewaltprävention.

Herr Weber, was hat Tugce Albayrak falsch gemacht? 

Tugce Albayrak hat zwei Mädchen in einer bedrohlichen Situation beigestanden. Sie hat hingeschaut und gehandelt. Das verdient höchsten Respekt. 

Glauben Sie, dass der Fall etwas verändert in der Stadt? 

Die Anteilnahme an dem tragischen Tod Tugces war und ist beispiellos. Allein die Präsenz von über 2000 Menschen am Offenbacher Sana-Klinikum beeindruckte ganz Deutschland. Die Trauer um Tugce, aber auch der Respekt vor ihrem Mut führte junge und alte Menschen zusammen, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Beeindruckend und tröstend für Tugces Familie, aber auch ein starkes Zeichen für Mitgefühl, Solidarität und Anteilnahme, aber auch für Zivilcourage. Die Offenbacher Kickers haben das am Dienstag mit der Videobotschaft der Mannschaft und der Schweigeminute vor dem Spiel gegen Wormatia Worms, das im Fernsehen live übertragen wurde, unterstrichen. Jeder von uns kann überall und jederzeit in Not geraten und Hilfe brauchen, Gewalt kennt keine Grenzen. Offenbach zeigt Anteilnahme, Offenbach steht zu Zivilcourage und zu allen, die sich dafür einsetzen. 

Wo beginnt Zivilcourage? 

Zivilcourage beginnt damit hinzuschauen, was um mich herum passiert, um entstehende Gefahrensituationen möglichst früh einschätzen zu können. Gewalt gegen Mitmenschen kann überall und zu jeder Zeit erfolgen. Es ist leichter zu handeln, wenn eine Situation noch nicht eskaliert ist. 

Wo hört Zivilcourage auf und wo beginnt möglicherweise tödlicher Leichtsinn? 

Je emotionaler die Situation aufgeheizt ist, umso größer wird die Gefahr, in den Konflikt hineingezogen zu werden. Deshalb ist frühzeitiges Handeln wichtig. Das ist ein elementarer Leitsatz der landesweiten Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“, in der der Eigenschutz wesentliche Bedeutung hat. Hier wird unter anderem empfohlen, Öffentlichkeit herzustellen, um andere auf den Vorfall aufmerksam zu machen. Es wird geraten, möglichst nur das Opfer ansprechen, z.B.: „Bitte kommen Sie zu uns, wir haben die Polizei bereits gerufen!“ Wenn man Kontakt zum Opfer hat, sollte man es schnell aus den Wahrnehmungsbereich des Täters bringen. Es ist sicherer, keinen Kontakt zum Täter aufzunehmen und aus der Distanz heraus zu agieren.

Kann man das in einer hektischen, gefährlichen Situation beherzigen? Was empfehlen Sie Menschen, die vor der Entscheidung helfen oder nicht helfen stehen? 

Viele Menschen fühlen sich in einer solchen Situation überfordert. Wer keine Möglichkeit sieht, dem Opfer zu helfen, ohne sich selbst in große Gefahr zu begeben, sollte unverzüglich unter 110 die Polizei verständigen. Hilfreich ist es, dann als Zeuge vor Ort zu bleiben, bis die Polizei eintrifft.

Wer weitere Handlungsmöglichkeiten in schwierigen Situationen kennen lernen möchte, kann dies in „Gewalt-Sehen-Helfen“-Seminaren erfahren und wenn gewünscht auch ausprobieren, die wir als Stadt gemeinsam mit der Polizei regelmäßig anbieten. Wer Näheres zu den Seminaren wissen möchte, kann uns im Ordnungsamt anrufen unter der 069 8065-2994 oder uns im Internet unter www.offenbach,de/praevention besuchen.

Das Wort Gewaltprävention wird viel benutzt dieser Tage. Wie füllen Sie in Offenbach von städtischer Seite den Begriff mit Leben? 

Gewaltprävention ist für eine positive gesellschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung und hat in Offenbach eine lange Tradition. Sie beginnt in den Kitas und findet ihren Schwerpunkt in den Schulen. Viele Schulen haben die Gewaltprävention seit Jahren im Rahmen des Offenbacher Methodenkoffers in ihrem Schulprogramm verankert. People’s Theater in den Grundschulen, „Prävention im Team“ in weiterführenden Schulen zum Beispiel fördern die sozialen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen und helfen den Schülerinnen und Schülern, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Ermöglicht wird dies durch die finanzielle Unterstützung des Fördervereins Sicheres Offenbach e.V. in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem Ordnungsamt, Geschäftsstelle Kommunale Prävention.

Für Erwachsene gibt es die Bürgerseminare im Rahmen der Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“ und zur besseren Information und Kommunikation zwischen der Polizei und den Bürgern das Bürger-Alarm-System, das demnächst mit verbesserten technischem System und weiteren Angeboten für die Nutzer neu an den Start geht.

Welche sinnvollen Initiativen gibt es noch in der Stadt? 

Institutionen wir die Caritas, das Rote Kreuz, der Weiße Ring, pro familia, Initiativen wie das Welcome-Projekt bei der Evangelischen Familienbildungsstätte beispielsweise, aber auch Vereine wie der Boxclub Nordend e.V. bieten in Offenbach Angebote für unterschiedliche Zielgruppen und Lebenslagen. Alle zu nennen, würde hier den Rahmen sprengen. 

Kinder, die zu Hause Gewalterfahrungen gemacht haben, neigen später oft dazu, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Deshalb möchte ich besonders erwähnen die wichtige Unterstützung von Familien, um häuslicher Gewalt und Gewalt gegen Kinder zu begegnen. Viele hilfreiche Angebote werden durch das lobenswerte Engagement von Ehrenamtlichen getragen. Mit dem jährlich von uns organisierten Offenbacher Präventionstag ermöglichen wir unseren Partnern, ihre Angebote vorzustellen und bemühen uns um öffentliche Wahrnehmung. Beim letzten Präventionstag haben Stadtrat Dr. Felix Schwenke und Polizeipräsident Roland Ullmann das vorbildliche Verhalten einer Offenbacherin und eines Offenbachers geehrt, die Zivilcourage gezeigt und anderen das Leben gerettet haben.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz? 

Stadt, Polizei und Justiz arbeiten im Offenbacher Präventionsrat eng zusammen. In diesem Gremium sind neben dem Ordnungsdezernenten als Vorsitzendem, dem Amtsgerichtspräsidenten, den Leitern der Staatsanwaltschaft Darmstadt und der Zweigstelle Offenbach auch der Leiter des Staatlichen Schulamtes, der Vorsitzende des Fördervereins Sicheres Offenbach und der Vorsitzende des Ausländerbeirates vertreten. Aktuelle Entwicklungen und Problemlagen werden hier erörtert und Maßnahmen verabredet.

Im Rahmen von „Gewalt-Sehen-Helfen“ und der übrigen Projektarbeit zur Gewaltprävention, aber auch bei sonstigen ordnungs- und sicherheitsrelevanten Aufgaben arbeiten Stadt und Polizei zusammen. Regelmäßige Runden im Ordnungsamt mit Landes- und Bundespolizei sorgen für einen geregelten Informationsaustausch und abgestimmte Maßnahmen für Sicherheit und Ordnung in unserer Stadt.

Gibt es Klientel, wo Sie als Fachmann sagen: Prävention, Appelle oder gute Worte bringen nichts mehr, die Gesellschaft muss durch restriktive Maßnahmen geschützt werden?  

Prävention und Restriktion, also schnelle und deutliche Maßnahmen gegenüber denjenigen, die anderen Leid zufügen, sind kein Widerspruch. Mit Präventionsarbeit werden viele erreicht, aber nie alle. Wer nicht hören will, muss sich vor Gericht verantworten. Das gilt umso mehr für diejenigen, die wiederholt gewalttätig wurden ...“

Rubriklistenbild: © dpa

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