Virtuelle Nähe, die entfernt

Interview: Über das (Un-)Glück in den sozialen Netzwerken

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„Facebox“. In Anlehnung an die andauernde unmittelbare Nähe, die soziale Medien schaffen, hat die Kölner Künstlergruppe „//////////fur//// “ diese Parodie ersonnen.

Offenbach - Unser aller Handeln wird immer stärker von Abläufen der Online-Welt, insbesondere durch soziale Medien bestimmt. Einer aktuellen Studie zufolge verbringen 14- bis 29-Jährige mehr als viereinhalb Stunden täglich im Netz.

Sie suchen Gemeinschaft und lassen die Welt an ihrem Leben teilhaben, aber verabschieden sich auch zunehmend von realem Glück und Selbstreflexion. Redakteur Nikolas Sohn sprach darüber mit Sarah Diefenbach.

Sie sagen, dass Leute bei ihrer Suche nach dem Glück in sozialen Medien paradoxerweise verlernen, eigene positive Erfahrungen zu machen.

Ja. Oder sie verlieren die Sicht auf das eigene Glück immer mehr. Die Frage, was ein guter Tag oder ein guter Moment ist, wird stattdessen an andere delegiert. Leute genießen den Moment nicht mehr nach dem Motto: „Wow, ist das gerade schön hier, die Sonne scheint“, sondern halten die Situation mit Fotos oder Selfies fest. 

Was ist daran so schlimm? In vordigitalen Zeiten gab es ja auch Urlaubsfotos oder den Schnappschuss im Zoo ... 

Die besorgniserregende Entwicklung ist, dass es immer mehr darum geht, das eigene Erlebte für andere aufzubereiten. Und irgendwann kann sogar das eigene Erleben unwichtig werden.

Machen soziale Medien die Menschen also nicht glücklich?

Doch, das können sie natürlich. Sie bieten Menschen Möglichkeiten, die sie ohne Internet nicht hätten. Whatsapp etwa ist ein toller Kanal, um innerhalb einer Gruppe Eindrücke zu tauschen. Ich habe zwei Freundinnen, die gerade auf Weltreise sind. Wenn sie Bilder aus anderen Ländern schicken, ist das natürlich schön. Nur bergen soziale Netzwerke auch die Gefahr, dass sich Prozesse verselbstständigen. Dass es irgendwann mehr um Metriken, also um die sogenannten Likes geht. Oder um den Freundes-Counter, der unausgesprochen kommuniziert: Mehr Freunde zu haben ist besser. Ist ja klar, dass das irgendwann nicht mehr Freunde im eigentlichen Sinne sein können. Auf Instagram ist diese Jagd nach Anerkennung besonders zu beobachten. Ob die Bilder einem tatsächlich etwas bedeuten, geht schon bei der schieren Menge verloren. 

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Und reales Glück wird infolgedessen verdrängt?

Klar. Es ist ja eine einfache Rechnung. Jede Minute, die man vor dem Smartphone verbringt, kann man nicht woanders verbringen. Je mehr Zeit man in sozialen Medien verbringt, desto wichtiger wird das medial vermittelte Glück. Und geht anderswo verloren. Vor Kurzem war ich im Park joggen und habe beobachtet, wie viele Eltern mit ihren Kindern unterwegs waren, ihnen dabei aber gar keine Aufmerksamkeit schenkten, sondern nur ihrem Smartphone. In einem Fall fuhr ein Vater mit seinen beiden Jungs Schlitten, aber es gab keinen wirklichen Austausch. Besonders intensive Erinnerungen an diesen Tag werden da wohl nicht zurückbleiben. Das finde ich schon traurig.

Wie sehr greifen programmierte Algorithmen auf Social-Media-Kanälen inzwischen in unseren Alltag ein?

Algorithmen bei Facebook etwa bestimmen im Prinzip, welche Nachrichten wir bekommen. Sie priorisieren Dinge, die uns vermeintlich interessieren und denen wir wahrscheinlich am meisten Aufmerksamkeit schenken werden. Die Nachrichten von Freunden im Newsfeed sind ja nicht alle gleichberechtigt. Das beeinflusst unsere Wahrnehmung natürlich massiv. Unser Alltag wird auch dadurch beeinflusst, dass es mittlerweile zur automatischen Handlung geworden ist, alle paar Minuten das Handy herauszuholen, um zu schauen, was es Neues gibt.

Aber nicht alles an Social Media ist negativ. Ich denke auch an den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, als Angehörige über Facebook mitteilen konnten, dass sie nicht betroffen waren. Wie bewerten Sie diese Funktion?

Das ist eine schwierige Frage – gerade bei solch emotionalen Dingen. Ich habe gerade einen sehr interessanten Text gelesen, der sich damit beschäftigt, wie Trauer um Verstorbene in sozialen Netzwerken gelebt wird. Darin wird beschrieben, dass in solchen Fällen oft sehr konträre Erwartungen aufeinanderprallen. Denn das, was man an sozialen Normen hat, wie man allgemein mit Trauer umgeht, ist eigentlich auf einen kleinen Kreis beschränkt. Das wird in den sozialen Netzwerken nun total ausgehebelt. Gerade für Ältere, sagen wir um die 60, ist es dann teilweise ganz schlimm, wenn sie ein Kind durch einen Unfall verlieren und Beileidsbekundungen von allen möglichen Leuten bekommen. Teils in einer sehr dramatischen Weise, die die Eltern als übertrieben empfinden. Sozusagen: „Da trauert jetzt jemand um meinen Sohn, um Likes zu bekommen“. Das zeigt ein Stück weit die Brisanz und verdeutlicht, dass Soziale Netze nicht einfach ein alternativer Kommunikationskanal sind, sondern sich in digitalen Räumen auch andere Normen entwickeln. Viele Konflikte entstehen eben, wenn unterschiedliche Normen und Sichtweisen auf engem Raum aufeinandertreffen. 

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In ihrem Buch „Digitale Depression“ heißt es an einer Stelle: „Ständige Nähe entfernt uns“ 

In dem Sinne, dass man ständig verbunden ist und versucht, dauernd in Kontakt zu sein. Man befindet sich etwa parallel zum Gespräch noch in einem Whatsapp-Chat und ist auch wieder nirgendwo richtig mit seiner vollen Aufmerksamkeit. Es ist paradox: Der eine vernachlässigt die soziale Norm der Aufmerksamkeit gegenüber seinem unmittelbaren Gesprächspartner zugunsten des Chattens. Und am Ende fühlt er sich noch beleidigt, wenn man ihn auf sein Verhalten aufmerksam macht. In unserer Forschung sprechen wir auch von „Disrespectful Technologies.“ In dem Sinne, dass Technik oft Verhalten ermöglicht, das im Konflikt steht mit den sozialen Normen der Offline-Welt.

Facebooks langjähriger Berater Sean Parker nannte das Netzwerk eine „soziale Bestätigungsmaschine“, die „Gott weiß was mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet“. Ist das allein als Nachtreten eines Ehemaligen zu verstehen?

Klar sind Social-Media-Plattformen Bestätigungsmaschinen. Facebook ist da nur ein Beispiel, über das aber auch am meisten geforscht wurde. Aber warum sind die Leute dort weiter so aktiv, wenn es doch Studien gibt, die zeigen, wie unglücklich Menschen auf Facebook werden ... Man kann sich das schon als einen klassischen Konditionierungsmechanismus vorstellen. Am Anfang postet man noch ein Bild, bekommt dafür Likes und Anerkennung. Diese Erfahrung will man natürlich wiederhaben. Irgendwann wird man süchtig danach. Selbst wenn es für einen Beitrag keine Likes gibt, genügen diese wenigen Male mit dem kleinen positiven Verstärker, um das Verhalten zu wiederholen. Sozusagen wie die Ratte in der Skinner-Box. Ein klassisches Experiment, bei dem untersucht wurde, wie eine Ratte wiederholt Hebel in der Hoffnung drückt, irgendwann wieder die Futterpille zu bekommen. Aus rein psychologischer Sicht sind die Konditionierungsmechanismen auf Facebook gut und wirksam umgesetzt.

Katzen, Bärte, tote Prominente: Es gibt immer wieder Themen, die besonders erfolgreich wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf bzw. durch den Newsfeed gejagt werden. Warum haben es tiefer gehende Sachverhalte hier eigentlich so schwer?

Das ist eben eine besondere Mentalität, die Social Media hervorgebracht hat. Also an schnellen oder eher belanglosen Nachrichten interessiert zu sein, die nur wenig Aufmerksamkeit oder Beschäftigung erfordern. Das ist sehr, sehr schade. Man merkt das ja auch auf Nachrichtenportalen. Artikel im Internet sind ja recht kurz und schlagzeilenartig aufbereitet. Und daneben steht noch die Lesedauer von zwei oder drei Minuten. So als ob man dem Leser nicht mehr zumuten kann. Es ist auch eine Haltung, bei der es eben immer mehr um Quantität geht, möglichst alle Meldungen mitzubekommen, die schnelle Ablenkung zwischendurch. Offline merkt man das teilweise daran, dass viele Menschen keine Geduld mehr haben, sich darauf einzulassen, ein tiefer gehendes Gespräch zu führen oder darauf, dass man eine Minute braucht, um ein Thema einzuleiten oder zu erläutern. 

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Das stimmt nicht sonderlich optimistisch. Hilft da vielleicht einfach abmelden? ... Oder sich stärker begrenzen?

Sich die vielfältigen Einflüsse der Technik im Alltag bewusst zu machen und dann bewusster zu entscheiden, wie sehr man sich diesen Einflüssen aussetzen oder hingeben will, ist auf jeden Fall ein erster guter Schritt. Ob das dann bis zur Abmeldung aus den sozialen Netzen gehen soll oder womit es einem persönlich am besten geht, ist sicher individuell unterschiedlich. Das kann man auch einfach mal ausprobieren und beobachten, was sich alles verändert. Ich hoffe, unser Gespräch hat Lust darauf gemacht zu experimentieren.

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