Notizbuch der Woche

Kommentar: Intrigen haben Konjunktur

Es wird gekämpft mit Haken und Ösen, mal hinterhältig, mal mit offenem Visier. In Hinterzimmern tagende Zirkel mischen mit. Von Frank Pröse

Und hier und da wird nicht nur unsere Redaktion fürs Ränkespiel missbraucht, weil die gar nicht so tief ins kommunalpolitische Beziehungsgeflecht eindringen kann, wie es wünschenswert wäre. Beim aktuellen Gerangel geht es, wie so oft, um eine Personalie und um die Frage, ob wichtige Posten in der Stadt wie dereinst üblich nach Parteibuch vergeben werden. Um das zu verhindern, engagierte der Oberbürgermeister einen Headhunter. Der sollte auch jenseits der Stadtgrenze nach geeigneten Führungskräften für die Stadtwerke Holding (SOH) suchen. Ob Horst Schneider - wie er beteuert - mit dieser Maßnahme der Sache dienen, also den bestmöglichen Bewerber engagieren, oder den SPD-Vorsitzenden Stephan Wildhirt als Geschäftsführer an exponierter Stelle verhindern wollte, sei dahingestellt. Das Verfahren fand jedenfalls überwiegend Anklang - zumal, da es aufgrund der knappen Zeitvorgabe ziemlich sicher war, dass kein Top-Manager von außerhalb gefunden werden konnte und somit die lokalen Kandidaten das Rennen unter sich ausmachen würden. Das muss ja auch nicht die schlechtere Variante sein, wie die katastrophalen Erfahrungen mit außerhalb angeworbenen Geschäftsführern für Stadtwerke-Gesellschaften in der Vergangenheit belegen.

SPD sah ihren Favoriten zu Unrecht ins Abseits bugsiert

Unruhe kam in die Personaldebatte, als der Koalitionsrunde die Ergebnisse des Auswahlverfahrens präsentiert wurde. Die SPD sah ihren Favoriten Wildhirt zu Unrecht ins Abseits bugsiert, witterte sie doch ein abgekartetes Spiel zwischen OB Schneider und dem Headhunter Dieter Stein, dem - was für ein Fauxpas! - auch noch einer der Kandidaten, Dieter Lindauer, das Anforderungsprofil für den neuen Geschäftsführer erstellt hatte. Pikantes Detail und Wasser auf die Mühlen der SPD. Die beklagte, der 54-jährige Wildhirt solle ausgebootet werden, weil das „wünschenswerte Alter“ der „reifen Persönlichkeit“ auf 40 bis 45 Jahre festgelegt worden sei. Dieser Hinweis aus der Fraktion stellte sich zwar als richtig heraus. Aber es fehlte ein wichtiger Zusatz: Auf Betreiben von Kämmerer Michael Beseler war das Alter der Kandidaten im Auswahlverfahren nicht berücksichtigt worden. Seither wechseln sich im Informationskanal Wahrheiten, Halbwahrheiten und Reaktionen auf falsch gelegte Fährten ab. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass der anerkannte Strippenzieher Wildhirt der Spritus Rector einer Kampagne ist, bei der unter anderem Multiplikatoren gezielt mit ausgewählten Passagen ansonsten geheimer Unterlagen versorgt werden, mit dem Ziel, das Auswahlverfahren oder die daraus als Sieger hervorgegangenen Kandidaten Dieter Lindemann und ESO-Geschäftsführer Peter Walther in Misskredit zu bringen. Letzterem wird dann noch fälschlicherweise nachgesagt, er habe das Hick-Hack satt und wolle gar nicht mehr an die vom Gutachter empfohlene SOH-Doppelspitze.

Kenner Offenbacher Kommunalpolitik fühlen sich in die Zeiten von „Turnhallen-Allianz“, „United Parcel Service“ und „Stalinallee“ versetzt - nicht wegen der in der SPD erbittert geführten Flügelkämpfe, sondern wegen der schon damals erfolgreich angewandten Taktik des Desavouierens. Die Opfer zählen wir in Dutzenden. Im aktuellen Fall nimmt sogar noch die SOH Schaden.

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