Wetterpark förmlich überrollt

Invasion der Mondsüchtigen

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Hunderte Besucher aus der ganzen Region warteten auf dem Offenbacher Buchhügel darauf, dass der verfinsterte Vollmond über dem Stadtteil Tempelsee erscheint.

Offenbach - Solch einen Ansturm haben Offenbachs Wetterpark und seine ehrenamtlichen Führer noch nie erlebt. Von Thomas Kirstein 

Am späten Freitagabend kommen grob geschätzt 400, vielleicht auch 500 Menschen auf den Buchhügel, um dort die längste totale Mondfinsternis dieses Jahrhunderts zu bestaunen. Wetterparkführer Denny Karran ist sichtlich nervös. Im Besucherzentrum des Offenbacher Wetterparks weist er die in Scharen anströmenden Mondsüchtigen vorsorglich darauf hin, dass sie womöglich von dem enttäuscht sein könnten, was ihnen für ihre fünf Euro Eintritt geboten werden wird: Bei derart vielen Menschen werde es für ihn ohne technische Verstärkung schwer bis unmöglich sein, die Informationen verständlich zu vermitteln. Seine Kollegin Waltraud Bütof wird an diesem Abend auf ihren Vortragspart weitgehend verzichten und sich aufs Kassieren beschränken.

Kurz nach 21 Uhr ist die etwa 60 Personen fassende Tribüne längst besetzt, zur Verfügung gestellte Klappstühle ebenfalls. Die erhöhte Aussichtsplattform befindet sich in überwiegend jugendlicher Hand. Derweil strömen die Massen weiter, schlagen Campingstühle auf, entfalten Decken, rollen Matten aus.

„Blutmond“-Paparazzi – mit Profi-Tele und mit Handy-Kamera.

Der Hauptakteur des lauschigen Sommerabends lässt noch auf sich warten. Ein dickes Teleskop, eher für die Vogelbeobachtung vorgesehenes Spektiv und jede Menge Teleobjektive verschiedener Brennweiten richten sich in den Himmel über dem Wäldchen, das Tempelsee vom Buchhügel trennt.
In Blickrichtung von links soll der vom Erdschatten verfinsterte Mond kommen, hinter einem großen Baum auftauchen. Das Grünflächenamt habe ein bisschen beim Rückschnitt versagt, scherzt Denny Karran. Der junge Meteorologe hat die Nervosität abgelegt und liefert fast eine Stunde lang eine wahre Glanzleistung ab. Die, die ihn hören können, sind bestens unterhalten und informiert.

Über den Mond und die Welt, über lunare Einflüsse aufs Wetter (keine) und aufs Klima (entscheidende, weil ohne ihn die Erde eiern würde), über die Verlässlichkeit von Wettervorhersagen, über den ausschließlichen Gebrauch des Konjunktivs seitens der Wetterkundler... Das wirkt phasenweise, als ob da einer für künftige Wetterfrosch-Comedy übt.

Wetterparkführer Denny Karran informierte und unterhielt den Teil des Publikums, der ihn hören konnte.

Dann tritt der Erdtrabant endlich hinter dem dichten Laub hervor. Kein Oooh und kein Aaah begrüßt ihn. Mit dem bloßen Auge oder durch eine unzureichende Linse betrachtet, ist er auch ziemlich winzig. Und über dem halt leider nicht verdunkelten Offenbach wirkt der Blutmond auch ziemlich anämisch. Das liegt wohl auch an den verschleiernden Ausläufern einer dicken Wolke, die sich schon früh über Tempelsee festgesetzt hat. Das tut andächtigem Wundern und Staunen aber wenig Abbruch. Dass ein Besucher kurz nach Lunas Erscheinung ganz aufgeregt herumhüpft, hat andere Gründe: „Ich hab’ mich in Ameisen gesetzt!“

Ansonsten verfolgt die Buchhügel-Gemeinde geduldig und lange, wie die blassrote Scheibe und ihr kleiner roter Begleiter Mars gen Westen wandern. Klagen, dass es nach dem ganzen Ankündigungs-Hype durchaus etwas spektakulärer hätte ausfallen dürfen, sind nur vereinzelt und auch nicht als ernsthafte Beschwerde zu vernehmen.

Die schönsten Leserbilder der Mondfinsternis

Die ehrenamtlichen Wetterparkführer Bütof und Karran, die das Unerwartete auf sich gestellt meistern mussten, wirken gegen 23 Uhr überwältigt, geschafft und erleichtert. Über das Preis-Leistungs-Verhältnis habe sich nur eine einzelne Dame beschwert, erzählt Waltraud Bütof im Besucherzentrum.

Vorbereitet war alles bestens – für die normalen Besucherverhältnisse im Wetterpark. Mit höchstens 60 Leuten hatten sie gerechnet, gestehen Bütof und Karran, nie angenommen, dass es ein Vielfaches sein würde. Für eine normale Gruppe hätte ausreichend Apfelschorle und Wasser zur Verfügung gestanden, zudem ein Häppchen-Sortiment aus Käse, Knabbergebäck, Würstchen, Trauben, Oliven. Das war aber schnell weg. Wer hat auch ahnen können, dass sich das astronomische Jahrhundert-Ereignis auch zum Jahrhundert-Ereignis für den Wetterpark entwickeln sollte?

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