Religion reine Privatsache?

„Islamunterricht ist überfällig“

+
Ausdrucksstarker Redenschwinger: Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir (stehend, rechts) bei der Diskussion mit RKS-Schülern.

Offenbach - Ist Religion reine Privatsache? Hat islamischer Unterricht in Deutschland Berechtigung? Gehört Religionsunterricht überhaupt noch in Schulen? Von Veronika Szeherova

„Religion – Raus aus den Schulen?!“ lautet die Fragestellung, mit der sich gestern am Projekttag Schüler der 12. Jahrgangsstufe der Rudolf-Koch-Schule (RKS) beschäftigten.

Zur Plenumsdiskussion kommt ein prominenter Gesprächspartner, der Landesvorsitzende der Grünen, Tarek Al-Wazir – selbst ehemaliger RKSler und Schulpate, seit sich das Offenbacher Gymnasium 2004 dem Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ angeschlossen hat.

Ohne Vorbereitung gehen die Schüler nicht in die Debatte mit dem für seine Eloquenz bekannten Politiker. Sie schauen einen Film über islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen und schließen sich dann in Gruppen zusammen, um sich auszutauschen. Dennoch präsentieren sie zu Beginn der Diskussionsrunde ihre Gruppenergebnisse eher zögerlich. „Es sollten alle Religionen unterrichtet werden“, meint eine Schülerin. „Das Problem ist, dass es zu viele verschiedene gibt, im Unterricht wären dann nur ein paar Schüler.“

Reli-Unterricht, der alle Religionen umfasst

Eine Schülerin schlägt allgemeinen statt bekenntnisorientierten Reli-Unterricht vor, der alle Religionen umfasst. „Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und hilft, Vorurteile abzubauen.“ Ein Klassenkamerad findet, Religion gehöre nicht an Schulen und solle von Eltern und anderen befugten Personen vermittelt werden. „Andererseits können sich so extremistische Meinungen leichter verbreiten“, räumt er ein.

Das sieht Al-Wazir ähnlich, der eine derzeitige „Renaissance der Religion beobachtet: „Wir sollten diejenigen, die auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind, nicht den Pierre Vogels überlassen.“ Bei Religionsfragen seien oft Emotionen im Spiel – was gefährlich sei. Er plädiert daher deutlich für Islamunterricht, wie er in Hessen ab dem nächsten Schuljahr eingeführt wird, wenn auch bisher nur an 27 Grundschulen. „In der Verfassung stehen die Grundsätze der Religionsfreiheit und der Gleichbehandlung. Warum sollte also nicht auch der in Deutschland am zweitstärksten vertretene Glaube unterrichtet werden?“, so der Politiker. Der Schritt sei überfällig.

„Wer das ändern will, muss die Verfassung ändern“

Die Verfassung sieht ein Recht auf Religionsunterricht in Schulen vor. „Wer das ändern will, muss die Verfassung ändern.“ Einige Schüler wenden ein, es gebe keinen jüdischen Religionsunterricht. Den gebe es sehr wohl, klärt Al-Wazir auf, allerdings in den kleineren Religionsgemeinschaften innerhalb der Gemeinden. „In Offenbach gibt es beispielsweise auch altkatholischen oder freireligiösen Religionsunterricht.“

Auf die Aussage, Gleichberechtigung bedeute, dass islamische Länder mehr Kirchen bauen müssten, antwortet der Offenbacher mit jemenitischen Wurzeln: „Wir können nicht darauf warten, dass in Saudi-Arabien Kirchen gebaut werden. Man soll sich nicht am Langsamsten orientieren. Es ist eher möglich, von anderen etwas zu erwarten, wenn man es selbst vorweisen kann.“

Doch er übt durchaus Kritik an den islamischen Gemeinden. In den Moscheen hätten teilweise Leute das Sagen, „die mit dieser Gesellschaft nichts zu tun haben“. Sie seien geschickt worden, um Schüler im Islam zu unterrichten, dabei hätten sie ein ganz anderes Lebensumfeld. „Auch deshalb ist Islamunterricht an den Schulen so wichtig.“

Rudolf-Koch-Schule feiert ihr Abitur

Rudolf-Koch-Schule feiert ihr Abitur

Moslemische Männer, die in Deutschland leben, müssten es akzeptieren, wenn ihre 18-jährige Tochter einen deutschen Freund mitbringt. Andernfalls seien sie „nicht in dieser Gesellschaft angekommen“. Wer auf Religionsfreiheit poche, müsse sie in vollem Umfang akzeptieren – „nicht nur die für einen selbst angenehmen Seiten“. Grundgesetz und Grundwerte sind nicht verhandelbar, macht Al-Wazir deutlich.

Aufmerksam verfolgen die Schüler mehr als eine Stunde lang die Worte des Politikers, stellen zwischendurch Fragen, applaudieren am Ende. Schulleiterin Christiane Rogler ist zufrieden: „Es ist ein Thema, das sie bewegt.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare