Auf der Jagd nach armen Seelen

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In knappen Kostümen zeigten die Pretty Girls der Gemaa einen Showtanz zu „Ladies Night“, während sich Horst Schneider für seinen Auftritt in der Bütt in einen alten Mantel gehüllt hatte. Neben dem Smoking tragenden Frankfurter Hofmarschall sah der Oberbürgermeister freilich etwas abgerissen aus.

Offenbach ‐ Was die Jungen können, können die Alten schon lange. Mehrere Jahrhunderte kumulierte närrische Erfahrung saßen gestern bei der Seniorenfastnacht in der Stadthalle beisammen, als der Offenbacher Karnevalverein den Rosenmontag feierte. Von Denis Düttmann

Rund drei Stunden führte Manfred Reißmann von den Wiking-Elfern durch das bunte Programm: Vorträge und Tanzeinlagen, Schunkellieder und Prinzenehrungen unterhielten die älteren Semester vortrefflich. Oberbürgermeister Horst Schneider trat als abgerissener Penner in die Bütt und berichtete von seiner Betteltour in Wiesbaden. Trotz der prekären Haushaltslage solle man jedoch nicht alles schwarz malen – noch werde auf hohem Niveau gejammert. „Im Fernsehen führt Dieter Bohlen das große Wort, da sind wir vom Abgrund noch weit fort“, dichtete der Verwaltungschef.

Der Protokoller Jürgen Kofink war extra aus Ludwigshafen angereist, um in Offenbach das vergangene Jahr humoristisch Revue passieren zu lassen. Die Abwrackprämie habe nur den Automobilkonzernen genützt, den kleinen Kfz-Betrieben hingegen geschadet: „Konjunkturprogramme schnüren, das ist richtig. Nur können muss man‘s, das ist wichtig.“ Auch die SPD bekam ihr Fett weg: „Abgestraft mit 23 Prozent ist Münte vor die Wand gerennt.“ Und auch die Liberalen sollten nicht ungeschoren davon kommen: „Wenn Hoteliers mit Scheinen winken, tun alsbald die Steuern sinken.“

Jede Menge Küsschen

Nach dem politischen Rundumschlag hatten sich die Gäste ein wenig leichte Unterhaltung redlich verdient. Die Randstaa-Jodler können sogar dem dichten Luftverkehr über Offenbach noch etwas abgewinnen. „Wir haben im Land die allerdicksten Äppel“, schmetterten die drei Kolping-Elfer und lieferten die Begründung gleich mit: „Das Kerosin düngt die Kleingärten.“

Zwar verstehen es die Senioren, Fastnacht zu feiern und glänzen mit Gesang und Büttenreden, doch beim Tanz griffen sie dann doch auf den noch etwas gelenkigeren Nachwuchs zurück. In schwarzen Tops und glitzernden Pailletten-Röckchen tanzten die Pretty Girls der Gemaa zu „Ladies Night“, während Alisia Wagner von der SKV Sprendlingen in einem rosa Catsuit zu der Eurodance-Version des Pink Panther-Themas über das Parkett wirbelte. Als wilde Punkerinnen stürmten hingegen die Bambinis der Stadtgarde auf die Bühne und gestanden mit Katy Perry „I kissed a Girl.“

Jede Menge Küsschen auch beim Besuch des Frankfurter Prinzenpaares. Stolz berichteten Prinz Rainer II. und Prinzessin Sabrina I., man habe in der Nachbarstadt die Macht an sich gerissen und Oberbürgermeisterin Petra Roth für die tollen Tag im Keller des Römers eingekerkert. Dem Wunsch aus dem Publikum, den Offenbacher OB Schneider doch gleich mitzunehmen, wollten sie jedoch nicht entsprechen. Für alle, die bereits das morgige Ende der Kampagne bedauerten, hatte das Kinderprinzenpaar tröstende Worte: „Bleibt froh und heiter, dann geht die Fastnacht auch nach Aschermittwoch weiter.“

Wolllüstige Orgien in der Hölle

Nach dem Auszug der Tollitäten wurde es ernst: Engelchen und Teufelchen stritten um die Seelen des närrischen Publikums. „Mein Auftrag lautet lapidar - such‘ Nachwuchs für die Engelschar“, erklärte Dieter Reinhardt. Seine erste Wahl fiel auf den Bundestagsabgeordneten Peter Wichtel, doch da hatte er seine Rechnung ohne Teufel Wilma Reinhardt gemacht: „Von dem tust du die Finger lassen, weil Schwarze nur zu Schwarzen passen.“ Wortreich schilderten die Kontrahenten die Vorteile ihrer jeweiligen Refugien: harmonisches Miteinander im Himmel, wolllüstige Orgien in der Hölle. Bei einer Sache waren sich die beiden Streithähne jedoch einig: „Was ihr auch tut - ihr Rasselbande - bei einem von uns müsst ihr lande‘“.

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