Ein Jahr im Exil

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Architektonisch wird sich die Ecke Marktplatz/Bieberer Straße runderneuert mit viel Glas präsentieren. Der Komplex ragt dann auch weiter in die Straße hinein als bisher - die Stadt hat einen Teil des Gehwegs zu diesem Zweck verkauft.

Offenbach ‐ 5.000 Stammkunden haben es direkt erfahren, die Laufkundschaft liest es im Schaufenster: Heute ist vorerst der letzte Tag, an dem an der Ecke Marktplatz/Bieberer Straße Kleidung erhältlich ist. Das bedeutet besonders, dass das ohnehin nicht allzu vielfältige Herrensortiment Offenbachs eine Zeit lang noch ausgedünnter sein wird. Von Thomas Kirstein

Kleider-Frei geht für die nächsten zwölf Monate ins freiwillige Textil-Exil nach Heusenstamm. Hintergrund ist der Komplettumbau des bisherigen Modehauses zu einem Geschäftskomplex.

Noch im Herbst hatte es geheißen, Frei suche ein Ausweichquartier unbedingt in nächster Nähe. Das gegenüber liegende und gerade von der Buchhandlung Thalia in Richtung Einkaufszentrum KOMM verlassene ehemalige Bekleidungshaus Schmülling bot sich für diesen Zweck geradezu ideal an; die Optikerkette Fielmann, die es momentan wegen des Umbaus ihrer Filiale in der Frankfurter Straße nutzt, räumt die Flächen bald wieder.

Die Verhandlungen mit der Familie Baller-Schmülling haben sich zerschlagen“, sagt Markus Frei, im Traditionsunternehmen der Familien Frei und Keck für Marketing und operatives Geschäft zuständig. Hauptgrund war die Länge des Mietvertrags - für mehr als ein Jahr wollte Frei nicht unterschreiben.

Schmülling fand zwischenzeitlich einen Mieter für seine rund 1.000 Quadratmeter, der sich für eine deutlich längere Zeit bindet. Den Brillen folgt Damenmode von Mali Trendline, derzeit auf ungleich kleinerer Fläche in der ehemaligen Tchibo-Filiale in der Frankfurter Straße daheim.

Für Frei blieb nur das Ausgleichquartier im Nachbar-Städtchen, nachdem sich das kurzzeitig ins Auge gefasste KOMM besonders wegen zu kleiner Flächen nicht als geeignete Alternative für die Übergangszeit erwiesen hatte.

In Heusenstamms Werner-von-Siemens-Straße unterhält Frei schon seit längerem eine Dependance im dortigen Gewerbegebiet gegenüber dem Toom-Markt, des weiteren nebenan ein gemeinsam mit Majo-Schuh und Sport-Kurz genutztes Outlet-Center. Dort wird jetzt zusammengerückt, um Freis Damenssortiment unterzubringen. Die 300 Quadratmeter der Filiale werden die Fläche für den Herrn.

Im alten Frei signalisieren Schilder den Verkaufsschluss und nackte Schaufensterpuppen die textilfreie Zeit am Marktplatz.

Markus Frei ist durchaus optimistisch, keinen nennenswerten Kundenschwund erleiden zu müssen: „Viele kommen sowieso aus Offenbachs Randgebieten, aus Obertshausen, Mühlheim und so weiter - da ist Heusenstamm auch nicht weiter als die Innenstadt.“ Im Gegenteil: Der Toom mit seinen monatlich rund 100.000 Kunden, ein Discounter, ein Getränkehändler und kostenlose Parkplätze könnten sich umsatzsteigernd auswirken. „Aber das ist immer ein Blick in die Glaskugel“, sagt Frei.

Bereits seit einigen Jahren hat das Modehaus Frei mit hartnäckigen Gerüchten über eine Schließung in Offenbach zu kämpfen, möglicherweise genährt durch die Reduzierung der Verkaufsfläche auf nunmehr etwa 1500 Quadratmeter. Auch jetzt werden schon Wetten gegen eine Rückkehr aus Offenbach angeboten, doch Markus Frei hält eindeutig und überzeugend dagegen: „Es ist definitiv - wir kommen zurück.

Allerdings auf eine verminderte Fläche. „Es wird einen ganz anderen Kleider-Frei geben als jetzt“, kündigt Thomas Keck an. Er vertritt die Projektgesellschaft GMO (Geschäftshaus Marktplatz Offenbach, Gesellschafter er und sein Bruder Wolfgang, Emil Frei, sowie Dreßler-Bau Aschaffenburg), die knapp neun Millionen in den Umbau steckt. Im neuen Haus wird es vom Unter- bis zum ersten Obergeschoss Läden geben - neben Mode unter anderem Friseur, Sport und Café. Darüber entstehen Praxen und Büros.

Der neue „Frei“ bekommt „Shop-in-Shop“-Charakter, das heißt, ein Geschäft mit separater Präsentation von, laut Markus Frei „mittelmodischen und mittelpreisigen“, Marken. „Es ist nach wie vor nicht einfach, Nischen für sich zu entdecken“, sagt der 35-jährige Textilbetriebswirt zur künftigen Ausrichtung, „die Konzentration wird auf den Herren liegen, aber Nische für den mittelständischen Einzelhandel ist nicht das Sortiment, sondern Beratung und der Service.“ Deshalb geht auch die komplette 21-köpfige Belegschaft von Kleider-Frei mit ins Heusenstammer Exil und 2011 wieder zurück nach Offenbach.

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