Das Jahr des Horst Sch.?

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Die Katastrophe 2009: Kastanien-Tod am Wilhelmsplatz.

Wer unbedingt möchte, kann 2009 als für Offenbach sehr erfolgreiches Jahr in Erinnerung behalten - nicht nur, weil auch hier die Krise via Konjunkturprogramm manches möglich gemacht hat, was ansonsten lange auf sich hätte warten lassen. Von Thomas Kirstein

Unser Oberbürgermeister wird unumwunden positiv beurteilen, was er 2009 leisten konnte. Vermutlich trübt ihm aber die gute Rückblicks-Laune, dass sich nicht alle vorbehaltlos seiner Euphorie über Erreichtes und auf den Weg Gebrachtes anschließen mögen.

Nüchtern sei aufgezählt, was als erfolgreich abgehakt gilt. Die maßgeblich an der Seite, hinter und für den Oberbürgermeister tätigen vielen Väter des jeweiligen Erfolgs dürfen sich selbst eintragen:

  • den Umbau des Wilhelmsplatzes gestartet
  • ein ehemaliges Stadtgesundheitsamt in eine Privatschule mit Kindergarten verwandelt
  • das brach liegende Tambourbad zum Sportzentrum entwickelt
  • die drei Gymnasien für den Ganztagsbetrieb fit gemacht
  • vorbereitende Infrastrukturarbeiten für die Zukunft des Hafens als Gewerbe- und -Wohngebiet erledigt
  • Einigung über den Bieberer Zankapfel Ostendplatz erzielt
  • das Mainufer und zwei Innenstadt-Parks aufgehübscht
  • Bürgel die Aussicht auf eine neue Sporthalle verschafft
  • das planerische und vertragsmäßige Fundament für ein neues Kickers-Stadion gegossen
  • das neue Einkaufszentrum KOMM eingeweiht.

Wenn sich in fernerer Zukunft alles, was noch Plan ist, verwirklicht, und was bereits sicht- und greifbar ist, eingespielt und bewährt hat, könnte sich vielleicht der Blick auf 2009 als ein Jahr des Horst Schneider etablieren.

Protest ist noch nicht ausgestanden

Wenn da nicht all die Dinge wären, die doch trotz geringeren Folgenreichtums meistens dank ihrer spektakulären Qualitäten länger im Gedächtnis bleiben. Dann wäre 2009 kein Jahr des Horst Schneider gewesen.

Es war am Morgen des 11. März, dass der aufmerksame Wilhelmsplatz-Anwohner Peter Heßler, seines Zeichens Werbe-Profi und Herausgeber des hoch gelobten Stadt-Magazins „Respekt“, den Autor dieser Zeilen entsetzt anrief: „Die fällen die Kastanien auf dem Wilhelmsplatz!“ Der Angerufene, im naiven Glauben ans Gute in der Verwaltung, wiegelte ab: „Die machen da wohl nur einen etwas drastischen Beschnitt...“

Tempel der Hoffnung: Am 24. September wird nach eindreiviertel Jahren Bauzeit das Einkaufszentrum KOMM am Aliceplatz eingeweiht. 70 Millionen Euro hat die Hochtief Projektentwicklung in den als innen wie außen architektonisch gelungen bewerteten Bau auf dem ehemaligen Offenbach-Post-Gelände gesteckt. 93 Prozent der Einzelhandelsflächen sind vermietet - mehr als 50 Shops bieten Waren, Dienstleistungen und Verköstigung an. An dem wirtschaftlichen Erfolg des Zentrums hängen viele Hoffnungen für die Zukunft der Offenbacher Innenstadt.

Die persönliche Kontrolle bestätigt Heßler und weitere aufgeregte Offenbacher. Ein Trupp des ESO legt tatsächlich ohne Vorwarnung sieben stattliche Stämme, davon sechs Kastanien, um. Der Skandal ist da: Von einem Kahlschlag als Vorbereitung für den Platzumbau war nie die Rede gewesen, das Umweltamt war nicht informiert. Der OB übernimmt die Verantwortung für das Versagen von Mitarbeitern und kriegt in der Folge Prügel ab, als ob er die Kastanien aus lauter Bösartigkeit selbst gefällt hätte.
Das passt zu weiteren Missklängen, die die Wilhelmsplatz-Bilanz verdüstern. Da springt zunächst der private Parkraumbewirtschafter ab, der den Umbau hätte finanzieren sollen. Dann ereifern sich die Wilhelmsplatz-Anwohner, die für einen zweiten Bauabschnitt zur Kasse gebeten werden sollen - 37 von ihnen sollen sich 438.000 Euro teilen. Dieser Protest ist noch nicht ausgestanden, im Gegenteil, er wird immer heftiger, und der Oberbürgermeister ist als treibende Kraft des Bösen ausgemacht.

Zehn Millionen für das Stadion

Das erste Problem löst sich durch eine glückliche Fügung. Die Krise bringt auch Offenbach eine Konjunkturspitze, was die Stadt jetzt in die Lage versetzt, selbst in den Platz investieren zu können.

Einmal aufatmen: Aber erst, nachdem sich SPD, FDP und Grüne heftige Verteilungskämpfe um die Bundes- und Landes-Millionen geliefert haben. Im März steht ihr Dreier-Bündnis auf der Kippe. In einer vielstündigen Koalitionsrunde, die von Teilnehmern als „Nacht der langen Messer“ bezeichnet wird, kommt es doch noch zu einer Einigung.

Neben dem Wilhelmsplatz, sechs Kindergärten, dem Schwimmbadbetreiber EOSC und der Sporthallenbauherrin TSG Bürgel profitieren davon auch die Kickers: Zehn Millionen sollen in ihr neues Stadion fließen, fünf weitere dürfen die Stadtwerke zuschießen. FDP und Grüne haben sich vorher dagegen gesträubt, städtisches Geld auf den Berg zu karren.

Bis zum endgültigen Jubeln über schönste Arena-Aussichten ist noch bis in den Spätsommer zu zittern und hinter den Kulissen mit dem Land zu verhandeln. Dann aber kommt Innenminister Bouffier mit einem Scheck über 20 Millionen vorbei, von denen nochmal 12 ins Stadion gesteckt werden dürfen.

Verhältnis der Partner untereinander ist getrübt

Horst Schneider wirkt überglücklich und hätte sich auf einen positiven Jahresabschluss vorbereiten können. Wenn da nicht seine Partei wäre. Die hat ihm zwar im Februar zur OB-Halbzeit ein prima Zeugnis ausgestellt, muckt aber immer öfter gegen das auf, was die CDU aus gleichem Anlass als „unabgestimmte Alleingänge gerügt hat“. Da ist, bereits im April, der SPD-Widerstand gegen die Erasmus-Privatschule, die Schneider gemeinsam mit FDP und Grünen forciert; da gibt es den SPD-Parteitag, der verhindert, dass eine OB-Vereinbarung mit einem Investor greift, der Seniorenwohnungen bauen möchte.

Und im Spätherbst kommt es ganz dicke, als eine Entscheidung getroffen werden muss, wer Nachfolger des Stadtwerke-Geschäftsführers Joachim Böger werden soll: FDP, Grüne und der SPD-Oberbürgermeister gegen den Rest der in der Verantwortung stehenden Sozialdemokraten. Die wollen ihren Parteichef Stephan Wildhirt auf dem einflussreichen Chefsessel sehen, wenn seine Amtszeit als Direktor des Planungsverbands ausgelaufen ist. Die anderen wollen Wildhirt verhindern und stattdessen einen oder zwei bereits für Stadtwerke-Töchter tätige Geschäftsführer befördern. Sie setzen sich letztlich durch, nachdem Wildhirt angesichts eines Streits, der fast die Koalition sprengt, die Segel streicht.

Der Pakt besteht weiter. Das Verhältnis der Partner untereinander ist jedoch getrübt. So wie das des Oberbürgermeisters zu seiner Partei. Dennoch: Wenn man ihn fragt, war’s ein gutes Jahr.

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