So begann die Gegenwart

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Ein Stadtteil, am Reißbrett geplant: „Ein Rechteck für 8000 Menschen“, titelte die Redaktion am 29. Dezember 1973 über Bieber-Waldhof. Seinerzeit hatten sich erste Industrieunternehmen angesiedelt, die Wohnbebauung ließ noch auf sich warten.

Offenbach - Für Gedenktage reicht das alles nicht, aber völlig unbemerkt soll es auch nicht vorübergehen: Vor 50 Jahren ging in Bieber die Nachkriegszeit zu Ende. 1965 wurden Grundsteine gelegt für das Erscheinungsbild, das sich heute hinterm Fußball-Berg bietet. Von Lothar R. Braun 

Das Jahr war noch jung, als 1965 zum ersten Mal seit der Eingemeindung von 1938 in großem Stil über Bieber nachgedacht, diskutiert und entschieden wurde. Am 11. Februar beschlossen die Stadtverordneten, das mehr als 80 Hektar große Gelände des einstigen Gutshofes Waldheim zu bebauen, das sich an die östliche Bebauungsgrenze anschloss. Wo früher die Stadt Offenbach Gemüse für ihr „Versorgungshaus“ genanntes Altersheim anbauen ließ, sollten vorwiegend Gewerbebetriebe, aber auch Wohnungen Platz finden. Es war ein Vorhaben, dessen Gewicht der Jahrzehnte später beschlossenen Umwidmung des Offenbacher Hafengeländes nahe kommt.

Den Landwirtschaftsbetrieb im Hofgut Waldhof hatte die Stadt schon 1957 aufgegeben. Das Gelände wurde an Flüchtlinge und Vertriebene verpachtet, die fortan die Ackerflächen nutzten. Im November 1962 fügte es ein nützlicher Zufall, dass die Gebäude des ehemaligen Gutshofs einem nächtlichen Feuer zum Opfer fielen. Die Stadtplaner hatten freie Bahn. Mit fast zwei Dritteln der Waldhof-Fläche reservierte die Planung den Löwenanteil für Industrie und Gewerbe. Nur der kleinere Rest sollte Wohnbauten aufnehmen. Unbestritten blieb das nicht. Im Offenbacher Süden nahm um diese Zeit unterhalb der Einflugschneisen des Flughafens der Wohnbezirk Lauterborn Gestalt an. Wohnungen in der Lärmzone und Gewerbebetriebe in der damaligen Waldhof-Stille zwischen Offenbach und Obertshausen, das bot Stoff für Diskussionen.

Den nächsten Entwicklungsschub erhielt Bieber im April 1965. In der Rudolf-Koch-Schule verabschiedete die Stadtverordnetenversammlung den Bebauungsplan für den Stadtteil Bieber-West. Die Rudolf-Koch-Schule war damals das Tagungsdomizil des Stadtparlaments, über ein Rathaus verfügte Offenbach noch nicht. In Bieber-West sahen die Planer Platz für 5000 Wohnungssuchende. Bebaut werden konnten freie Flächen, die bis dahin Bieber und Tempelsee getrennt hatten. Tempelsee hatte sich dem Neubaugebiet bereits mit der Waldschule genähert. An der Bieberer Bebauungsgrenze befand sich die Geschwister-Scholl-Schule in der Vorbereitung. Sie konnte im April 1966 eingeweiht werden.

Im Sommer desselben Jahres 1965 erhielt die Bieberer Abwasserentsorgung endlich Anschluss an die Offenbacher Kanalisation. Fast zeitgleich war auf dem Bieberer Berg der Bau der markanten Trinkwasser-Hochbehälter fertiggestellt. Zwei 33 Meter hohe bauchige Türme beherrschen seitdem neben dem Fußball-Stadion und dem historischen Aussichtsturm das Bild des Bieberer Bergs. Mit einem Fassungsvermögen von jeweils 7500 Kubikmetern sichern die beiden Türme die lückenlose Trinkwasserversorgung der Stadt. Es versteht sich, dass der Blick in die jüngere Vergangenheit auch noch andere Stationen der Entwicklung des Stadtteils erkennen lässt. Aber unverkennbar ist: Vor 50 Jahren machte Bieber große Sprünge.

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