Jahresauftakt im Ostpol

Kreativwirtschaft zwischen Jubel und Realität

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Kennfarbe Orange: Beim sechsten Kreativ-Treff der Wirtschaftsförderung ist die Gründer-Szene Offenbachs im hippen Ambiente zusammengekommen.

Offenbach - Der Jahresauftakt der Kreativwirtschaft ist ein Szene-Treffpunkt. Die Veranstaltung im Ostpol bedeutet jedoch mehr als „Networking“, „Get Together“ oder „Meet and Greet“. Sie steht auch für das größte Kapital Offenbachs: das Image einer Kreativstadt. Von Sarah Neder

Das Gründerzentrum Ostpol hat sich schick gemacht. Stehtischhussen, Besucherbändchen, Windlichter, Limonadenflaschen. Alles aufs orange-weiße Farbkonzept abgestimmt. Ein hippes Ambiente für Grafiker, Entwickler und Künstler der Stadt, die sich dort das sechste Mal zum Jahresauftakt treffen. Vorzeigekreativer ist an diesem Abend Sebastian Herkner, weltbekannter Produktdesigner und Paradebeispiel einer Offenbacher Erfolgsgeschichte. Studiert hat Herkner an der örtlichen HfG, öffnet sein Studio 2006, arbeitet und wohnt trotz Raketenkarriere noch in der kleinen Großstadt. Erst Ende Januar war der 35-Jährige Ehrengast der Internationalen Möbelmesse in Köln, durfte dort „Das Haus“ entwerfen. Diese Ehre bekommen nur die Besten der internationalen Designszene. Kurzum: Sebastian Herkner ist ein Image-Bringer für die Stadt Offenbach.

Nach einem Vortrag über hessische Wirtschaftsförderung trübt Herkner jedoch die Euphorie. Als er über die Anfänge seiner Selbstständigkeit spricht, erwähnt er: „Ich habe damals übrigens keine finanzielle Unterstützung bekommen.“ Der Antrag sei letztlich an der Adresse seines Studios gescheitert: „Ich arbeite und wohne an der Geleitsstraße 92. Das ist wohl ein paar Hausnummern zu weit oben.“ Engstirnige Bürokratie, findet Herkner, dessen Atelier damals knapp außerhalb eines begrenzten Fördergebiets lag. Jürgen Amberger, Organisator des Kreativ-Treffens und Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, rechtfertigt: „Das ist das Dilemma der Förderung.“ Irgendwo müsse man eine räumliche Trennung finden. Andererseits „müssen wir versuchen, sowas zu umschiffen“, windet sich Amberger.

In einem Gespräch erzählt Herkner, dass er stolz sei, es auch ohne Finanzspritze der Stadt geschafft zu haben. „Da war viel Ehrgeiz, Glaube und auch Glück dabei.“ Die Basis habe aber seine Alma Mater, die HfG, gelegt. „Dort habe ich den Mut bekommen, mich selbstständig zu machen, und deshalb bin ich noch hier“, verdeutlicht der Wahl-Offenbacher. Nicht mehr in den Startlöchern, aber in den Anfängen seiner Karriere steht Fabian Riemenschneider. Der 31-Jährige will sich beim Jahresauftakt über finanzielle Unterstützung informieren. Riemenschneider ist seit anderthalb Jahren selbstständig, entwirft Raumkonzepte, Modelle und Visualisierungen für Innenausbau. „Bislang habe ich nie die Zeit gefunden, mich um Fördergelder zu kümmern“, erzählt er. Die vergangenen Monate seien stressig gewesen und der Gedanke an Unterstützung in den Hintergrund gerückt.

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Riemenschneider will das aber bald anpacken, Anträge stellen, um diese Töpfe buhlen, sagt der Gründer und argumentiert: „Wir machen viel für die Stadt und arbeiten sehr regional.“ Erst vor einigen Wochen haben er und sein Team das Stadtbild mit dem „Offenbach“-Schriftzug am Marktplatz bereichert.

Kreative wie Herkner und Riemenschneider liefern Offenbach nicht nur ideellen, sondern auch materiellen Profit. Diese Industrie habe eine große Bedeutung für Arbeitsplätze und Steuern, schildert Jürgen Amberger. Der Amtsleiter belegt: „Hier gibt’s an die 3000 Kreativunternehmen. Schätzungsweise beschäftigen diese 6000 bis 8000 Mitarbeiter.“ Aber auch vom Image als Kreativ-Metropole könne man sich relativ viel kaufen, betont Amberger. Der weltoffene, moderne Ruf sei ein wichtiger Faktor für die Ansiedlung von Firmen aus der sogenannten Normalwirtschaft.

Der Nutzen ist jedoch nicht nur einseitig. Fabian Riemenschneider sieht viele Vorteile, Designer in Offenbach zu sein. „Man bewegt sich auf einer Augenhöhe“, sagt er. Kreative Macher und politische Entscheider seien „super vernetzt“. Nicht allein an diesem Abend.

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