Lernen durch Helfen

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Unschwer als Gast in Quito und im Boxtraining zu erkennen ist der Offenbacher Jan Wasserziehr.

Offenbach -  Endlich Abitur. Und dann? Viele Schüler sind sich unschlüssig, offenbaren trotz Reifezeugnis eine gewisse Unreife. Das verwundert kaum. Das sogenannte Turbo-Abitur, so der Eindruck einiger Eltern, wirkt eher kontraproduktiv. Von Martin Kuhn

Es beschleunigt keineswegs automatisch die persönliche und berufliche Entwicklung. Vielleicht lässt gerade deshalb die Vita von Jan Wasserziehr aufhorchen. Der 18-Jährige hat frühzeitig genaue Vorstellungen, welchen Weg er nach dem Abitur einschlägt. Der führt den Offenbacher in den Nordwesten Südamerikas, in die ecuadorianische Hauptstadt. Nach zwei Monaten sagt er: „Ich bin sehr froh, hier zu sein.“

Bis nach Quito ist’s nicht unbedingt ein gradliniger Weg. „Aber mir war eigentlich schon immer klar, dass ich nicht direkt nach der Schule studieren will“, erzählt er rückblickend. Als der junge Mann mit der Abinote 1,1 sich über seine Zukunft Gedanken macht, ist die Abschaffung der Wehrpflicht noch nicht beschlossen. Da der möglich Zivildienst in einer caritativen Einrichtung für ihn unbefriedigend erscheint, informiert er sich über Zivilersatzdienste in Form eines Freiwilligenjahres im Ausland: „Das fand ich spannender. Ansonsten wollte ich damals am liebsten Travel & Work in Australien oder Neuseeland machen.“

Die Einstellung des Leibnizschülers

In der Zwischenzeit revidierten sich nicht allein die politische Einsichten, sondern auch die Einstellung des Leibnizschülers, den das Weltwärts-Programm, entwicklungspolitischer Freiwilligendienst des Bundesministeriums für Wirtschaft, überzeugte: „Ich habe des FSJ im Ausland irgendwie als die größere Herausforderung betrachtet. In Australien bleibt man letztlich doch in der ,westlichen Welt’; Weltwärts geht nur in sogenannte Entwicklungsländer. Von diesem Jahr, ein Jahr in einem ganz anderen Kulturkreis, in einem Projekt mitarbeitend, habe ich mir erhofft, mehr mitzunehmen - vor allem eine persönliche Weiterentwicklung. Also habe ich mich beworben.“

Für das Programm sind verschiedene Entsendeorganisationen zuständig – bei Jan Wasserziehr ist das die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), die allein etwa 1000 Projekte vermittelt, davon 186 in Ecuador. Die Idee des Programms wird auf der Homepage erläutert: „Lernen durch tatkräftiges Helfen ist das Motto des Freiwilligendienstes. Weltwärts soll das Engagement für die ,Eine Welt’ nachhaltig fördern und versteht sich als Lerndienst, der jungen Menschen einen interkulturellen Austausch in Entwicklungsländern ermöglicht.“ Durch die Arbeit mit den Projektpartnern in den Entwicklungsländern sollten die Freiwilligen unter anderem lernen, globale Abhängigkeiten und Wechselwirkungen besser zu verstehen.“

„Selten euphorisch“

Also alles bestens? Nicht immer: „Ich muss ehrlich sagen, dass ich im Vorfeld dieses Jahres selten euphorisch war. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, dass ich eben ein Jahr von zu Hause weg sein werde, aus dem Umfeld der Familie und Freunde. Außerdem war ich mir sicher, dass ich trotz der Erfahrungen auch viele Hürden zu überwinden haben würde.“ Trotzdem: Der 18-Jährige zweifelte zu keinem Zeitpunkt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich war mir immer sicher, dass ich dieses Jahr nicht bereuen würde. Es war zwar für ein großer Schritt für mich, aber ein Schritt, denn ich immer machen wollte.“

Ein Schritt, der später Türen öffnen kann. Eines weiß der 18-Jährige schon heute: „Es wird mir nach der Rückkehr sicher nicht mehr schwerfallen, zum Studium tatsächlich wegzuziehen. So passt dieses Jahr irgendwie genau in meinen Weg.“ Und der ist offenbar durchaus bodenständig, fernab von selbst ernannten Weltverbesserern, die er während eines Auswahlseminars kennen lernte: „Im Vergleich war ich in meinen Motiven sehr viel weniger überzeugt und entschlossen... Und ich habe nie geglaubt, hier irgendwelche Probleme lösen zu können, ich war einfach neugierig, was Neues zu sehen und habe mich darauf gefreut, meinen Horizont erweitern zu können.“

Und der ist schon um einiges erweitert. Unter anderem widerspricht Jan Wasserziehr inzwischen allen Offenbachern, die glauben, „alle Ecuadorianer lebten im tiefsten Busch“. Bereits nach wenigen Tagen war der junge Mann angetan von der Herzlichkeit der Südamerikaner: „Eben jene macht mir die Eingewöhnung in die neue Umgebung dieser Tage leichter als gedacht.“ Was der junge Mann, der mit dem Beruf des Journalisten liebäugelt, so erlebt, wird er in unregelmäßigen Abständen berichten. Einen Vorgeschmack liefert bereits sein lesenswerter Blog: http://yanninquito.wordpress.com.

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