Was vor Jans Geburt war…

+
Kleine Kästchen, großes Gedächtnis: Alte Dokumente sind im Stadtarchiv auf Mikrofilmen gesichert.

Offenbach (lis) ‐ Die Konkurrenz zum 33. Internationalen Museumstag war groß. Das mit wenig Mühe zu verlängernde Wochenende hatte viele Leute aus der Stadt gelockt. Andere feierten im Kreis der Familie die Konfirmation ihres Nachwuchses, wie Stadtarchivarin Anjali Pujari mit Blick auf die nur kleine Schar von Kindern und Erwachsenen vermutete, die sich beim Rundgang die Frage „Was liegt da im Archiv?“ beantworten lassen wollten.

„Fast alles hier ist flach und aus Papier“, erklärt Pujari den Besuchern. Die sind beinahe ausnahmslos zum ersten Mal im Stadtarchiv. „Mal Einblick hinter die Kulissen und in die Schränke und Regale erhalten“, so beschreiben sie ihren Wunsch. Vor allem die alten Zeitungen faszinieren sie. Zwecks Vergleich mit einem heutigen Exemplar der Offenbach-Post dürfen sie in einer 100 Jahre alten Zeitungsversion blättern, die damals unter dem Namen „Offenbacher Zeitung“ erschien. Dass eine noch ältere Ausgabe von 1870 „Offenbacher Intelligenzblatt“ hieß, ruft allgemeine Heiterkeit hervor. „Davon muss ich mir demnächst eine Kopie machen und meinem Mann zeigen, der glaubt mir das sonst nie“, meint eine Besucherin.

Weshalb das nur mit vier Seiten täglich veröffentlichte „Privilegierte Offenbacher Frage- und Anzeigenblatt“ von 1855 mit seinen Preislisten für Lebensmittel nur im Kleinformat gedruckt wurde, erraten die Kinder spielend. „Papier und Druckherstellung war wohl teurer als heute“, meint der zehnjährige Erik aus Sprendlingen.

„Cool“ finden die Kinder die von Johann André gedruckten Notenblätter für das Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart anlässlich der Krönungsfeier Kaiser Leopold II in Frankfurt. Weil mit der persönlichen Biografie verbunden, findet das Adressbuch von 1909 bei den älteren Teilnehmern der Führung großes Interesse. Eine Besucherin stellt verblüfft fest, dass ein ihr seit ihrer Jugend bekanntes Haus immer noch im Besitz derselben Familie ist. „Da muss ich noch mal kommen und schmökern“, sagt sie begeistert. „Ich wusste gar nicht, welche Schätze hier bewahrt werden.“

Und auch andere Erinnerungen können bestaunt werden. Wie die umfangreiche und wertvolle Büchersammlung von August Hecht. Der Offenbacher Fabrikant und Heimatforscher hatte 1943 seine mehrere tausend Bände umfassende Bibliothek mit dem Schwerpunkt Stadtgeschichte dem Archiv vermacht. Insgesamt beherbergt das Archiv rund 10.000 Bücher über Offenbach, darunter viele Erstausgaben, wie Pujari mit Fingerzeig auf die vielen hohen, eng hintereinander stehenden Regale berichtet, in denen sich gegen Säure und Schädlinge beständige Spezial-Kartons stapeln. Wegen der seit dem beginnenden 18. Jahrhundert zahlenmäßig großen jüdischen Gemeinde in Offenbach bilden auch hebräische Drucke einen Schwerpunkt.

Spulen gerollter Zeitungsseiten

Bei der Präsentation des sogenannten Back-Planes, dem ältesten Plan der Stadt, entspinnt sich eine kleine Fachsimpelei unter den ortskundigen Besuchern über die tatsächliche Lage des Wilhelmsplatzes und der Geleitsstraße, die nach Ansicht einer Besucherin einst einen Teil des Weges von Nürnberg nach Frankfurt bildete.

In kleinen schwarzen Kästen vermuten die Kinder CDs. Mit den Silberscheiben teilt der Inhalt jedoch nur die Form. Es sind auf Spulen gerollte Zeitungsseiten, die auf Mikrofilme aufgenommen wurden. „Während CDs nur etwa zehn Jahre brauchbar sind, beträgt die Lebensdauer dieser Filme gut 100 Jahre“, erklärt Pujari das spezielle Sicherungsverfahren.

Bedeutsam ist auch die häufig von privaten Forschern nachgefragte Einwohnermeldekartei. Familiennamen bis ins Jahr 1850 sind verzeichnet. Aufschluss über Bürgerporträts und Stadtansichten geben 3.000 Postkarten, die nach Themen sortiert und vor Licht geschützt in Schubladen lagern. Klarheit in manche Rechtsstreitigkeit brachten die unterm Dach schlummernden großformatigen „Parzellenkarten der Gemarkung Offenbach“, die seit der ersten großen Vermessung der Stadt 1860 angelegt wurden. Wer sich über die Kosten des einst florierenden Hafenbetriebs schlau machen will, kann in einem großen Folianten in den „Urkunden der Rechnungen zum Hafen“ fündig werden.

Von derlei Zahlen ist Jan weniger inspiriert. „Mich interessieren alte Bücher und am meisten alte Zeitungen“, sagt der Elfjährige. „Ich will wissen, was vor meiner Geburt alles passiert ist und wie es da ausgesehen hat.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare