Japan-Ausstellung

Edle Krieger, fromme Pilger

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Bei Japans Samurai waren Pferd und Reiter geschützt und geschmückt.

Offenbach - Sie entstand bereits 1917, als das Ledermuseum gegründet wurde. Nach mehr als einem halben Jahrhundert ist es wieder möglich, die Japan-Abteilung zu besichtigen. Mit Neuerungen: Es gibt eine Tibet-Sammlung. Von Markus Terharn

Für Dr. Christian Rathke ist ein alter Wunsch in Erfüllung gegangen. Seit er die Leitung des Deutschen Ledermuseums innehat, träumt er davon, die Asien-Bestände in ihrer ganzen Bandbreite präsentieren zu können. Zehn Jahre hat es gedauert bis zum ersten Schritt. Möglich ist er dank der Erweiterung der Ausstellungsfläche um 500 Quadratmeter. Im zweiten Stock an der Frankfurter Straße 86, der „ethnologischen Etage“, sind die Exponate aus Japan und Tibet zeitgemäß aufbereitet. Offiziell eröffnet werden die beiden Räume am Freitag, 7. Dezember, um 18 Uhr. Die Kollektion chinesischer Objekte ist ab April 2013 zu sehen, der mongolische Kulturkreis sowie Südost-Sibirien folgen im Lauf des Jahres.

„Kulturen am Rand der chinesischen Welt“ nennt Rathke dies zusammenfassend; wohl wissend, dass es wegen der Eigenständigkeit Japans und Tibets auf Protest stoßen könnte. Aber zentrale Lage und beherrschende Rolle des Reichs der Mitte rechtfertigen die Bezeichnung. Da der Fokus naturgemäß auf dem Material Leder liegt, ist es eine recht männliche Angelegenheit geworden. So denkt bei Japan wohl jeder an die Samurai. Weniger bekannt ist, dass diese Kriegerkaste in der friedlichen Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) ihre militärische Bedeutung weitgehend eingebüßt hatte. Die Privilegien einer adligen Elite behielt sie jedoch – und deren Statussymbole.

Prächtige Rüstungen

So zeigt das Museum einige prächtige Rüstungen, die aus ledernen Lamellen zusammengesetzt sind. Ein in seine Einzelteile zerlegtes Exemplar verdeutlicht, wie mühsam und zeitraubend es für den Ritter war, diesen schmucken Schutz anzuziehen. Doch nicht nur an den Mann war gedacht: Das Pferd trug eine Schabracke um den empfindlichen Bauch, wie die Sättel und Schwerthüllen aus Leder gefertigt. Gern nahmen die Japaner „exotische“, in diesem Fall europäische Einflüsse auf: Aus den zumeist von Niederländern verschifften, im 17. Jahrhundert bei besseren Leuten sehr modischen Goldledertapeten stellten sie her, was sie brauchten. Ebenso Kult in höheren Herrenkreisen war das Rauchen. Pfeifenetuis und Tabakbeutel, in Vitrinen zur Schau gestellt, bestanden aus Leder.

So prächtig verzierten tibetische Nomaden ihre Reisetaschen.

Die Verstädterung im 19. Jahrhundert brachte den Samurai zudem eine sinnvolle aktuelle Betätigung: Weil die Holzhäuser oft brannten wie Zunder, waren ihre Dienste als Brandbekämpfer gefragt. Ein hirschlederner Feuerwehrmantel, angeschafft aus Mitteln der Kulturstiftung der Städtischen Sparkasse, sowie eine Haube bewahrten sie vor den Flammen. Farbholzschnitte an den Wänden beziehen die Welt der Damen mit ein. Einer zeigt eine Frau, die mit zwei Männern kämpft, ein anderer zwei paffende Schöne. Dosen und Schreibkästen ergänzen die Darstellung. Auch der neue Tibet-Saal ist geprägt vom starken Geschlecht. Mit Hilfe seiner Freunde und Förderer hat das DLM viel hochwertiges Kunsthandwerk erworben. „Hauptaspekt ist die Mobilität“, betont Rathke. „Zum einen, da die Tibeter nomadisch gelebt haben; zum anderen wegen der vielen Pilgerreisen.“ Da die tibetische Kleidung keine Taschen kannte, wurden Beutel an einem Gürtel, an einer Schnur um den Hals oder auf der Schulter getragen.

Koffer und Truhen wurden nicht nur mitgeführt, sie standen auch in Klöstern. Ein prachtvolles Exemplar bildet den Blickfang im Raum. Darin waren heilige Schriften aufbewahrt. „Die Form ist typisch tibetisch, der prachtvolle Dekor aber chinesisch“, erläutert Rathke. Das sieht der Betrachter freilich nur auf der Vorderfront, die vor dem Ankauf gereinigt wurde. Die anderen Seiten sind dick mit schwarzem Butterruß überzogen, der von den Lampen herrührt.

Japan-Ausstellung im Ledermuseum

So prächtig verzierten tibetische Nomaden ihre Reisetaschen.

Die Japan-Ausstellung im Offenbacher Ledermuseum entstand bereits 1917 bei der Gründung. Nun wird sie wiederbelebt: Mit einer neuen Tibet-Sammlung.

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Kultgegenstände und Fotos beweisen, dass Leder auch im Gottesdienst eine Rolle spielt. So sind eine Glocke und ein Doppelblitz zu bestaunen, die ein Priester bedient, dazu eine lederbezogene Trommel mit ebensolchem Schlegel. Da die Tibeter Buddhisten sind, dürfen sie eigentlich keine Tiere töten. „Aber sie waren sehr kreativ im Umgehen dieses Verbots“, schmunzelt Rathke. So galt ein erjagtes Wild nicht als getötet. Und bei der Vielzahl der Herdentiere war stets reichlich Leder vorhanden. Wer es sich leisten konnte, schützte sein wertvolles Reisegepäck zusätzlich mit einer ledernen Hülle. Was der Tibeter auf der Wallfahrt oder beim Karawanenhandel mit sich führte, steckte er in Taschen oder Beutel, ob Lebensmittel, Metall oder Steine.

Eine ungewollte Variante

Im 20. Jahrhundert erfuhr das unstete Wanderleben der Tibeter eine ungewollte Variante: Seit der Besetzung durch den großen Nachbarn China sind etliche Menschen dauerhaft ins Exil gezwungen. So auch ihr geistiges Oberhaupt, der Dalai Lama. Aus dem Tross bei der Flucht im Jahr 1951 stammt ein schöner Sattel, auf dem der Überlieferung nach seine Mutter gesessen haben soll. Der berühmte Tibet-Forscher Heinrich Harrer hat diese Begebenheit in Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. Ob es wirklich derselbe Sattel ist – egal. Rathke versieht das mit einem Fragezeichen.

Ein Ausrufezeichen setzt der Hausherr dagegen bei einem auf ersten Blick rätselhaften Gegenstand. Es ist ein Schützenbesteck für einen Vorderlader, gebräuchlich bis in die 1940er Jahre. Und darüber hängt ein lederner Armschutz mit Eisenüberzug, der seinesgleichen nur noch im Metropolitan Museum in New York hat. „Da sind wir auf Augenhöhe“, strahlt der Direktor.

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