Nur jeder Fünfte hat Patientenverfügung

Offenbach ‐ Seit dem 1. September gilt das „Gesetz zur Regelung von Patientenverfügungen“. Es soll für Patienten und ihre Angehörigen sowie für Ärzte mehr Rechtssicherheit schaffen. Von Ernst Buchholz

Wegen der zahlreichen Nachfragen Helfer hatte die Ökumenische Hospizbewegung zur 5. Offenbacher Hospizwoche Privatdozent Dr. Stephan Sahm vom Ketteler-Krankenhaus zu einem Referat über die „Patientenverfügung nach dem neuen Gesetz“ eingeladen.

Das neue Gesetz ist wie die meisten Gesetze ein Kompromiss, mit dem der Gesetzgeber all die unterschiedlichen Fachmeinungen unter einen Hut bringen will. „Bei aller Aufregung“, so Dr. Sahm, „haben Umfragen ergeben, dass nur 40 Prozent der Befragten wissen, dass es eine Patientenverfügung gibt und nur 20 Prozent eine solche haben“.

Aktuell gibt es die Patientenverfügung, die Betreuungsverfügung und die Vorsorgevollmacht. Die Patientenverfügung ist für den Fall gedacht, dass der Patient seinen Willen nicht mehr äußern kann. Sie soll so formuliert sein, dass sie sich auf möglichst konkrete Behandlungssituationen bezieht, beispielsweise keine lebensverlängernden Maßnahmen bei nicht mehr behebbaren Organschäden im Sterbeprozess. Die Verfügung muss schriftlich erfolgen und sollte unterschrieben und von Zeugen bestätigt sein. Es wird empfohlen, eine Vertrauensperson einzusetzen, die Ärzten im Zweifel an der Interpretation der Verfügung helfen kann (Vorsorgevollmacht).

Patientenverfügung schützt nicht vor riskanten Entscheidungen

Das neue Gesetz, so Sahm, gebe Interpretationsspielräume her. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Schicksal von Walter Jens, der bestimmt hatte, nicht mehr leben zu wollen, wenn er nicht mehr klar bei Verstand sei, der aber trotz seiner Demenz weiterhin am Leben hänge, wie seine Frau Inge beschreibt. Mit Hilfe dieses und anderer Beispiele lasse sich zeigen, dass auch die Patientenverfügung nach wie vor nicht vor einer riskanten Entscheidung schütze. Nur nach genauer Prüfung der medizinischen Indikation und der Persönlichkeit des Patienten, möglichst mit Hilfe der Angehörigen, könne der Wille des Patienten in seinem Sinne gedeutet werden. Situatives Verhalten verweise ebenfalls auf den Lebenswillen des Patienten.

Fazit des Vortrags: Nur eine Öffnung von Medizinern und Angehörigen zum Dialog wird die Interpretation des neuen Gesetzes ausfüllen. Immerhin entfällt die ärztliche Schweigepflicht gegenüber den Verwandten und Vorsorgebevollmächtigten. Dies ermöglicht echten Dialog. Die Rechtssprechung wird über Lücken und Fehlinterpretationen entscheiden. Die zahlreichen Nachfragen aus dem Publikum zeigten, dass Dr. Sahm ein wichtiges aktuelles Thema angesprochen hat.

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