„Jeder Tag ist ein Geschenk“

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Nach langer Leidenszeit gesund und munter dank eines neuen Herzens: Dieter Emrich.

Offenbach ‐ Für Dieter Emrich war das Jahr 2010 so schicksalhaft wie kaum eine andere Zeitspanne im Leben des 57-Jährigen: Für ihn ging es in den vergangenen zwölf Monaten um nicht weniger als um Leben und Tod. Von Niels Britsch

Doch damit Emrich weiterleben durfte, musste erst ein anderer Mensch sterben: Der Offenbacher wartete knapp drei Jahre auf ein Spenderherz. Insgesamt elf Monate verbrachte er am Stück in der Frankfurter Uniklinik, elf Monate zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Leben und Tod.

Am 28. Juli hatte die Ungewissheit dann ein Ende: Dieter Emrich genoss vor der Klinik die warme Sommernacht, als das Telefon klingelte und ihm eine Schwester mitteilte, das ein Spenderherz gefunden worden sei. „So schnell war ich noch nie auf der Station“, erinnert er sich.

Dieter Emrich hatte fünf Herzinfarkte, er musste mehrere Bypass-Operationen über sich ergehen lassen, zweimal wäre er fast gestorben und wurde wiederbelebt. 29 Monate war er auf ein sogenanntes linksventrikuläres Herzunterstützungssystem angewiesen – ein Apparat, den er immer mit sich herumtrug und der durch ein Kabel mit seinem lebenswichtigsten schwachen Organ verbunden war.

Keine Informationen über Spenderin

Dass diese Leidenszeit nun ein Ende finden würde, konnte er an jenem Juliabend erst gar nicht glauben. „Auch nach der Transplantation habe ich immer wieder gezweifelt. Es war schwer zu realisieren, dass von nun an ein fremdes Herz in meiner Brust schlägt.“ Aber letztendlich sei es wie bei einem Auto gewesen: „Der alte Motor wurde ausgebaut und ein neuer eingesetzt.“

Über die Spenderin hat er so gut wie keine Informationen: „Ich weiß nur, dass es eine junge Frau war, die bei einem Motorradunfall ums Leben kam“, erzählt er. „Man setzt sich natürlich damit auseinander, dass ein 25-jähriges Mädchen dafür sterben musste, damit mein Leben verlängert wird“, so Emrich weiter. Anfangs habe er sogar fast so etwas wie Schuldgefühle gehabt, „aber das ist natürlich Quatsch, denn ich bin ja nicht für ihren Tod verantwortlich. Jeder, der einen Spendeausweis hat, muss sich ja auch Gedanken darüber gemacht haben.“ Auch heute denke er noch oft an die Spenderin: „Manchmal sitze ich abends alleine zuhause und werde bei dem Gedanken an sie sentimental. Aber das gehört zum Leben – und es ist schön zu leben.“

„Mit dieser Angst lebt man gerne“

Natürlich wünscht sich Dieter Emrich manchmal, mehr über den Menschen zu erfahren, dessen Herz sein Leben verlängert hat. „Im Moment wäre ich noch nicht bereit dafür. Aber wenn die Eltern des Mädchens mit mir Kontakt aufnehmen wollten, würde ich mich dem nicht verwehren.“ Emrich weiß jedoch, dass dies gar nicht möglich ist, denn in Deutschland ist bei Transplantationen die Anonymität zwischen Spenderfamilie und Organempfänger vorgeschrieben. Momentan freue er sich über die wieder gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit: „Jeder Tag ist ein Geschenk. Denn wer weiß, ob ich diese Weihnachten noch erlebt hätte.“

Dennoch ist sich Emrich der Gefahr bewusst, dass der Körper das fremde Organ abstoßen kann. „Aber mit dieser Angst lebt man gerne.“ Deswegen hat der Frührentner ganz bewusst keine Pläne für sein neues Leben geschmiedet. „Ich lebe momentan von einem Tag in den nächsten, denn die Gesundheit ist nicht planbar.“ Er genieße vor allem die alltäglichen Dinge des Lebens: einen Spaziergang durch die Offenbacher Fußgängerzone oder einen Ausflug ins Grüne. „Ich nehme plötzlich wieder die Schönheit der Natur wahr, dafür hatte man keine Augen, als das eigene Leben jeden Tag auf der Kippe stand.“

Erst jetzt wisse er, wie schön das Leben sei, deswegen verbringe er die Zeit viel bewusster. „57 Jahre sind kein Alter zum Sterben und ich will leben – jetzt erst recht!“

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