Jeder Stein wurde verwendet

+
Bürgerliches Wohnen statt herrschaftlicher Verwaltung: Das ehemalige Rentamt präsentiert sich heute als ein wahres Schmuckstück in Rumpenheim. Vier der neun Wohnungen sind noch vor der Fertigstellung vermietet.

Offenbach - Mit einer Wasserwaage zieht der Arbeiter schwarzen Splitt gerade. Behutsam legt er die Sandsteinplatte ins Bett, richtet sie aus, klopft leicht mit dem Kellengriff: „Perfekt.“ Von Martin Kuhn

Die Arbeiten in der Rumpenheimer Breite Straße 2 beinhalten stets einen Blick zurück in vergangene Zeiten – alte Materialien, alte Handwerkskunst. In dem historischen Bau verbindet das Architekt Michael Janocha mit moderner Technik. In gut zwei Monaten dürfte alles fertig sein. Von den neun Wohnungen – 100 bis 140 Quadratmeter groß – sind vier vermietet. Die Frage zum Mietzins beantwortet Investor Hans-Dieter von Meibom mit einem gewinnbringenden Lächeln und fügt dann hinzu: „Was der Markt hergibt. . . “.

Jetzt mag sich jeder selbst ausrechnen, auf welchen Preis sich das summiert. Dafür bekommt der Mieter unter anderem 3,40 Meter hohe Räume, isolierende Innendämmung, moderne Sanitärtechnik, edle Massivholzböden. Nach den beharrlichen Fragen der Journalisten ist allen Beteiligten jedenfalls zu entlocken: 500 000 Euro sind beim Verkauf in die Offenbacher Stadtkasse geflossen. Die Sanierung kostet etwa 1,7 Millionen Euro.

Mit diesem Geschäft sind offenbar alle zufrieden. Das erklärt Oberbürgermeister Horst Schneider so: „Nach langen Jahren konnten wir ein marodes Gebäude aus unserem Eigentum überführen und erhalten dafür jetzt qualitativ hochwertigen Wohnraum.“ Wohnungen für Menschen, die mit einem entsprechenden Einkommen der Kommune Steuereinnahmen bescheren.

Dabei stand das Vorzeigeprojekt kurze Zeit auf der Kippe. Im Frühjahr 2009 war beim sicher geglaubten Vorhaben plötzlich vieles fraglich: Parkplätze direkt vor dem Haus, Durchgang zum Garten, Platzierung der Mülltonnen. Der Anruf von Meiboms erreichte den Oberbürgermeister nicht im Büro. Das Sekretariat bekannte: „Der ist im Urlaub.“ „Gut, dann lassen wir das alles“, war die erste Reaktion des Investors, der den städtischen Behörden eine grundlegende Bereitschaft nicht abspricht. „Aber bestimmte Details wollte ich gern vorher geklärt haben.“ Eine halbe Stunde später meldete sich der urlaubende Horst Schneider – und nach der darauf folgenden Sitzung mit Behördenvertretern lief das Projekt ehemaliges Rentamt. „In einer kleinen Großstadt fügt sich letztlich alles zusammen“, schmunzelt der Verwaltungschef gestern rückblickend.

Bau stammt teilweise aus dem Jahr 1630

Und warum hat das lange Jahre nicht funktioniert mit dem sogenannten Gelben Haus, das es beim passenden Fernsehformat bis zur „Schand-Immobilie“ geschafft hätte? „Letztlich hing es an einem Mieter, der rausgekauft werden musste“, blickt Wirtschaftförderer Jürgen Amberger zurück. Das knifflige daran: Der Mann hatte einen Erbpachtvertrag für den halben Garten. Und auf solche Sachen lässt sich kein Investor ein. Doch das ist nur eine Episode in der Geschichte des Hauses, auch wenn diese mit einem Augenzwinkern endet: Der Mann zieht nun als Mieter in die Breite Straße 2.

Die Historie des Hauses reicht weiter zurück: Die ältesten Teile des ehemaligen Verwaltungstrakts stammen etwa von 1630, der neueste Abschnitt wurde wohl Mitte des 19. Jahrhunderts angebaut. Die lokale Denkmaltopographie beschreibt die Breite Straße 2: „Als Verwaltungsbau für die Güter des Schlosses im 19. Jahrhundert erbaute, hufeisenförmige Anlage. Der fünfachsige, zweigeschossige Mittelteil mit asymmetrischem Eingang hat ein Satteldach (...). Bis auf die Sandsteinrahmung der Fenster (...) ist der Bau schmucklos.“

Bauherr von Meibom und Architekt Janocha haben möglichst viel historische Substanz erhalten. „Das macht ja neben der exklusiven Lage den Reiz des Gebäudes aus“, so der Eigentümer. Die Vormieter hatten da weniger Respekt vor der ehrwürdigen Geschichte: Da wurden Teppiche und PVC auf die Holzdielen geklebt, die Lehmwände mit Holzpaneelen verschalt, geschnitzte Handläufe bemalt und eine komplette Treppe zugemauert. „Wo es möglich war, haben wir die alten Böden aufgearbeitet und teils Feld für Feld per Hand geschliffen. Nun werden die Böden noch geölt“, sagt Janocha. Alte Bodenplatten, teils im Keller gelagert, und Mauerwerk wanderten keineswegs zum Schutt. „Wir haben keinen Stein gekauft.“ Im Treppenhaus ist zu erahnen, wie mühsam eine historische Sanierung ist. Mit einem Kratzeisen entfernt ein Helfer an der Setzstufe eine Farbschicht. Es ist nicht die erste. Der Mann hat aufgehört zu zählen...

Kommentare