Jeder zahlt, was er kann

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Hakima, lass den Korb herunter: Die 20-jährige Hakima El-Mokhtari gab zum Café-Auftakt im Obergeschoss der Stadtkirche das diesjährige „Rapunzel“.

Offenbach - Im Märchen sitzt Rapunzel im Turm und lässt auf Zuruf ihr Haar herab, wenn die Zauberin hochsteigen will, um ihr das Essen zu bringen. Im Offenbacher Café Rapunzel an der Stadtkirche, schräg gegenüber dem Rathaus, läuft es umgekehrt. Von Stefan Mangold

Was die Küche der Kirche im zweiten Stock an Kaffee, Tee und Kuchen liefert, legt Jana Atig in den Korb und lässt es am Seil hinunter, wo Hakima El Mokhtari die Gäste an den Tischen bedient. Oder umgekehrt, je nachdem, wie sich die ehrenamtlich arbeitenden Frauen von Freitag bis Sonntag aufteilen, wenn das Café zwischen 14 und 18 Uhr in den Frühlings- und Sommermonaten draußen Tische und Stühle aufstellt.

Das evangelische Dekanat organisiert das Angebot in Zusammenarbeit mit der Offenbacher Tafel. „Die Gäste zahlen das, was sie können“, erklärt Dekanin Eva Reiss. Der Kaffee stammt aus fairem Handel. Kuchen gibt es, „wenn jemand welchen spendet.“ Die meisten, die bei trockenem Wetter hier sitzen, leben alleine und verfügen nur über das schmale Budget der Sozialhilfe oder eine dünne Rente. „Wem das Geld fehlt, der fällt meist aus dem sozialen Leben heraus,“ sagt Eva Reiss. Das Engagement der Kirche sei christlich motiviert, „wir wollen die Hinwendung Gottes weiter geben.“

Die Sparkasse Offenbach hat viel Geld gespendet

Café Rapunzel ist jedoch keineswegs nur für sozial Schwache gedacht. Jeder darf kommen, auch wenn er ein sechsstelliges Jahresgehalt bezieht. Von besser Verdienenden erwartet Eva Reiß jedoch, „dass sie mehr als ein Hartz-IV-Empfänger in die Spendenbüchse werfen“. Auf Sponsoren sei das Rapunzel dennoch angewiesen. Weshalb die Dekanin gern den Scheck annimmt, den Jörg Engelmann im Auftrag der Grünen-Fraktion bringt. Den Betrag will der Stadtverordnete nicht nennen. „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“, hat ja auch Jesus seine Jünger angewiesen.

Die Sparkasse Offenbach hat viel Geld gespendet. Damit kann das Dekanat das Konzert in der Stadtkirche zur Saisoneröffnung organisieren. Kirchenmusiker Tobias Koriath hat das Ensemble zusammengetrommelt, das in barocker Aufführungspraxis die Orchestersuite h-Moll und die weltliche Kaffeekantate von Johann Sebastian Bach spielt. Leonard Schelb bläst auf einer hölzernen Taversflöte, Niklas Sprengler streicht mit einem historischen Bogen über einen fünfseitigen Kontrabass. Die Streicher verzichten auf das Vibrato.

Fast dadaistisch mutet der Text der Kaffeekantate an. Der Dissens zwischen Vater und Tochter dreht sich um Lieschens Lust aufs koffeinhaltige Heißgetränk. Falls die Tochter den Konsum nicht einstelle, dürfe sie nicht heiraten. „Du loses Mädchen, Ach! Wenn erlang ich meinen Zweck: Tu mir den Kaffee weg!“, singt Bass Johannes Wilhelmi. Kristallklar singt Sopranistin Friederike Webel. Schade nur, dass Tenor Florian Feth an der Stadtkirche nicht allzu viel vortragen kann. Sein Part des Erzählers ist zu knapp bemessen.

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