Jeder zweite Erstklässler ist mittlerweile frei von Karies

Und städtische Zahnmediziner zeigen jetzt auch Altenpflegern, wie sie die Beißer ihrer Schützlinge schützen sollen.

Offenbach - Kaum da, sind die Zähne des Menschen auch schon in tödlicher Gefahr - ihr Leben lang. Das ist oft kürzer als geplant. Von Marcus Reinsch

Der Plumps von der Schaukel, die Schokolade, der Plombenzieher aus der Bonbontüte, der böse Zucker allgemein, der Fahrradunfall, später reicht schon das Steak.

Zwei Lebensphasen indes gelten als besonders heikel und zugleich als Zeiträume, in denen Einfluss von außen relativ einfach möglich ist: die frühe Kindheit und das späte Alter. In ersterer weiß der Nachwuchs noch nicht, wie und warum er Zähne richtig pflegen muss. Und in letzterem wissen es viele Menschen nicht mehr.

Die Sorge der Zahnmediziner im Stadtgesundheitsamtes gilt beiden Gruppen. Den Kindern seit vielen Jahren, den Senioren neuerdings. Im Juni gab es die erste sogenannte Multiplikatorenschulung im städtischen Seniorenzentrum. Teilnehmer waren nicht die Alten, sondern 15 Altenpfleger und Altenpflegehelfer. Zu deren Grundausbildung gehört zwar theoretisch die Botschaft, die Zahngesundheit ihrer Schützlinge ebenso wenig aus den Augen zu verlieren wie die restliche Hygiene. In der Praxis allerdings, sagt Dr. Andreas Prenosil, Abteilungsleiter im Gesundheitsamt, werde das Thema oft in Nebensätzen abgehandelt oder beidseitigen Hemmschwellen geopfert.

Fazit: Oft kümmert sich keiner richtig um die Beißer, ob’s nun originale sind oder falsche oder beide. Demente und Pflegebedürftigen, weil sie dazu geistig oder körperlich nicht mehr in der Lage sind, und Pfleger, weil sie die besonderen Anforderungen von Implantaten, Brücken oder sonstigen Zahnersatzvariationen ob ihres komplizierten Aufbaus mittlerweile kaum noch erkennen können.

Dr. Prenosil warnt vor „einem wirklich großen Problem“. Er verweist auf Entzündungen oder Lücken, die Einfallstore seien für Bakterien, die nicht nur Menschen mit schwachem Immunsystem böse zusetzen könnten. „Von kranken Zähnen gehen Krankheiten im Körper aus“, ergänzt die Gesundheitsdezernentin, Bürgermeisterin Birgit Simon. Es gelte also, weiteres Personal aufzuklären, auch solche von anderen Trägern. Nach und nach werde es weitere Termine geben.

Beim Nachwuchs ist das Stadtgesundheitsamt schon viel weiter. Wesentlicher Bestandteil seiner Mühen sind die verpflichtenden zahnärztlichen Vorsorgeuntersuchungen an Schulen, deren Ergebnisse - schlechte wie gute - den Eltern mitgeteilt werden.

Da ist die Statistik Grund zu Optimismus. Von mehr als 900 untersuchten Sechsjährigen ist aktuell erstmals die Hälfte (50,55 Prozent) kariesfrei. 1995 war das nur jedes dritte eingeschulte Kind (32,83 Prozent). Seither stieg der Anteil kontinuierlich.

Gut liest sich vor allem auch der sogenannte DMTF-Wert. Er gibt an, wie viele Zähne der Sechsjährigen gefüllt, krank oder ganz weg sind. Hier liegt der momentane Durchschnitt bei 2,06. Vor 15 Jahren waren es 3,4 gewesen. Von 696 untersuchten Zwölfjährigen, bei denen nur bleibende Zähne zählen, sind 61,64 Prozent kariesfrei (DMTF: 0,76), mehr als doppelt so viele wie 1995 (28,17 Prozent, DMTF 2,83). Unter 90 für die Nachschau greifbaren 15-Jährigen sind 40 Prozent kariesfrei (DMTF: 1,76). Der schlechteste Wert bei den Altersstufen, aber der mit der schönsten Entwicklung seit 1995. Da hatte es nur 6,59 Prozent Kariesfreie (DMTF: 6,58) gegeben.

Zu verdanken seien solche Fortschritte vor allem der Verzahnung verschiedener Akteure. Das Stadtgesundheitsamt gehöre mit teils auch auf achte Hauptschulklassen ausgedehnten „gruppenprophylaktischen Maßnahmen“ dazu. Ebenso das Patenschaftsteam aus niedergelassenen Zahnärzten, denen die individuelle Prophylaxe und die Behandlung bestehender Probleme obliege.

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