Jessie J im Capitol

Popstar auf Tuchfühlung

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Da können sich die über-exaltierten Konkurrentinnen warm anziehen: Jessica Ellen Cornish ist der absolute Gegenentwurf zu den unnahbaren Vertreterinnen ihres Fachs.

Offenbach - per Stimme, brillante Show und ein etwas anderer Star: Jessie - zelebriert im Capitol ein Konzert der Extraklasse - trotz erklecklicher Sound-Probleme. Von Peter H. Müller

Die übrigen Zutaten: Power-Songs fürs Kopfkino und den Dancefloor, eine vollends allürenfreie Hauptdarstellerin und eine gute Portion Lebenshilfe. Die über-exaltierten Rihannas, Madonnas und Mileys sollten sich in Acht nehmen - Jessie J ist aktuell vielleicht der heißeste Tipp im Pop-Business. Anno 2011, als nach ihrer Nr.1-Single „Price Tag“ endlich auch ihr Debütalbum „Who you are“ im Regal stand, hätte man noch glauben können, das nächste schrille Fräuleinwunder stünde bevor. Das Zeug dazu hat Jessie J jedenfalls: Sie sieht blendend aus, wechselt Frisuren/Haarfarben/Kostüme wie ein Chamäleon und kann zweifelsfrei auch kompetent mit dem Po wackeln.

Je mehr man sich aber mit Jessica Ellen Cornish beschäftigt, je genauer man in ihre selbst geschriebenen Songs oder ihren Live-Gig hört, umso deutlicher wird: Dort steht ein Gegenentwurf zur theatralischen Plastikbranche auf der Rampe. Auch wenn die sexy Garderobe mit dem freundlichen Aufdruck „Offenbach“ noch eher das Gegenteil orakelt. Nur: Schon nach den Eröffnungsstücken „Ain´t Been Done“, „Domino“ und „Seal Me With A Kiss“, die R&B, Soul, Electropop und HipHop-Elemente mixen, wird man den Eindruck nicht los, dass hinter all dem Glitzer eine ziemlich nahbare, spontane und eigenwillige Frau steckt. Wenn das nicht echt sein sollte, ist es zumindest grandios inszeniert.

Natürlich schreibt bei dieser Einschätzung auch ihre Biografie den Begleittext: Da ist die schwere Herzkrankheit, die beim 11-jährigen Musical-Mädel diagnostiziert wird, da ist ihre Ausbildung an der BRIT School neben einer gewissen Adele, mit 18 dann ein Schlaganfall, der die Karriere komplett in Frage stellt, schließlich ihr Weg zurück und die Songwriting-Arbeit für Alicia Keys oder Miley Cyrus. Stoff für eine schöne Legende von der Kämpferin, die sich gegen alle Widerstände behauptet. Aber Jessie J macht ihr Ding, mit ihren Songs, ihren Tanzmoves, ihrem Gestus, ihren Ansprachen an die Fans, die ein Gefühl dafür haben, dass sich da jemand eben nicht verbiegt - und dennoch eine Knaller-Show hinlegt, die Balladen wie „Nobody’s Perfect“ oder ihr so kurze wie wunderbare Whitney-Houston-Hommage „I Have Nothing“ nicht ausspart.

Ganz nebenbei ist ihr aktuelles Album „Sweet Talker“, das so etwas wie den Roten Faden ihres umjubelten Capitol-Gigs gibt, ein Meisterstück geworden. Die Konzertversionen des Titelsongs, von „Burnin’ Up“, „Masterpiece“ oder dem finalen Rausschmeißer „Bang Bang“ sind wahre Kraftwerke, die vor Ideen nur so strotzen. Am Ende steht nicht nur der Sound auf gesunden Füßen, sondern auch das Capitol Kopf - gut so. Miss Jessie hat’s nämlich verdient.

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