Jetzt ein getrenntes System

Der Mainzer Ring mutiert zur illegalen Müllkippe. Die ESO-Reinigung zahlt die Allgemeinheit.

Bürgel - Auf diversen Immobilien-Seiten im Internet gibt’s Angebote: Bauplatz für Reiheneckhaus am Mainzer Ring, etwa 370 Quadratmeter, nicht erschlossen, verfügbar ab etwa 2013. Der Anbieter ist offenbar weiter als die städtischen Gremien, was das Baugebiet Bürgel-Ost angeht. Von Martin Kuhn

Vor gut drei Jahren hätten die ersten Bewohner einziehen sollen. Tatsächlich ist noch kein einziger Meter Boden bewegt – zumindest kein Bauland. Ein Grund: Im Sommer 2011 wurde der Stadt-GmbH Entwicklung Erschließung Gebäudemanagement (EEG) der Weg einer privatrechtlichen Erschließung versperrt. Jetzt heißt es im Rathaus: „Es bewegt sich etwas. “ Aber was, das erscheint wenig erfreulich.

Worum geht’s: Das Bundesverwaltungsgericht urteilte grundsätzlich, kommunale Eigengesellschaften seien keine „Dritte“, die Erschließungskosten komplett auf die Grundstückseigentümer abwälzen können. Normalerweise sind die Kommunen mit einem Anteil dabei. Die in Offenbach geplatzte Idee: Die städtische EEG sollte wie ein Privater die Erschließung übernehmen und sich die Kosten zurückholen. Wenig bekannt: Die Summe für Bürgel wäre „gedeckelt“ gewesen. Alles was über einen bestimmten Betrag gegangen wäre, hätte die Stadt gezahlt.

Die Bauverwaltung schlägt inzwischen eine traditionelle öffentlich-rechtliche Erschließung für Bürgel-Ost vor. Bauamtsleiterin Susanne Schöllkopf erarbeitet mit ihrem Team eine Vorlage fürs Stadtparlament. Sie sagt: „Wir haben jetzt einen städtischen Anteil zu finanzieren.“

So weit, so schlecht: Ob die Stadt dafür einen weiteren Kredit aufnehmen darf, entscheidet als Aufsichtsbehörde der Regierungspräsident. Das dürfte für weiteren kommunalpolitischen Zündstoff sorgen. Denn die entscheidende Frage lautet: Was passiert parallel mit dem seit Jahren wegen Erschließungs-Differenzen brach liegenden Bieber-Nord? In einer internen Prioritätenliste sollen die beiden Baugebiet recht unterschiedlich gewichtet sein.

Kahlschlag lockt Schmutzfinken an

Es ist nicht die einzige Neuausrichtung in Bürgel-Ost. Die Änderung des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) macht eine „technische Überplanung“, so Schöllkopf, notwendig. Stark gerafft: Neue Abwasserkanäle sind künftig nicht als Misch-, sondern als Trennsysteme auszubauen; Regenwasser von Dach und Straße darf nicht mit Toiletten- und Spülwasser zusammenkommen. Die vom Stadtdienstleister ESO vorgeschlagene einzige Alternative: In Bürgel-Ost wird Regenwasser in den nahe gelegenen Kuhmühlgraben geleitet.

Das hat im Mainzer Ring (Abschnitt zwischen Schönborn- und Kettelerstraße) Priorität vor dem Straßenbau. Logisch. Nun verhandelt die Bauverwaltung wegen einer Bezuschussung. Es kann also etwas dauern. Für Kanal- und Straßenbauer ist jedoch schon ein gut 19 Meter breiter Streifen gerodet. Frühzeitig, um die Brutvögel zu schützen. Der Kahlschlag lockt offenbar vermehrt Schutzfinken an: „Es ist ein unerträglicher Anblick“, sagen Anwohner: Reifen, Plastiksäcke, Farbeimer, Kanister, Bauschutt.

„Das wird ein Kraftakt“, so Oliver Gaksch, Sprecher des Eigenbetriebs, am Dienstagmittag. Der ESO-Trupp „Wilder Müll“ will heute den Mainzer Ring reinigen. „Leider geht’s nicht früher; es gibt da noch mehr Stellen“, formuliert Gaksch den allzu sorglosen Umgang mit dem Unrat. Da der großflächig entlang des gesamten Mainzer Rings verteilt ist, schränkt er ein: „Das wird nicht besenrein.“ Der Mainzer Ring als illegale Müllkippe? Offensichtlich: Leicht zu erreichen, einfach zu entladen, kaum Kontrolle durch Anwohner.

Die Sonderreinigung wird auch den empörten Bürgeler besänftigen, der der Redaktion eifrig geschrieben hat: „Seitdem das Vorzeigeobjekt Mainzer Ring eröffnet wurde, existieren entlang der Strecke im freien Feld immer noch diverse künstliche Hügel aus Sand und Erdaushub, um die es zu großflächigen Ablagerungen von Hausmüll, Textilien und Sperrmüll kommt.“ Was ihn und andere wahrscheinlich wieder aufregt: Diese Sonderschicht des ESO bezahlt jeder Offenbacher über seine regulären Abfallgebühren mit.

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