Jetzt nur nicht müde werden

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Claudia „Berta“ Schell, Jeanette „Frieda“ Zulauf-Thum und Ina „Matha“ Herz-Röder bilden das Kabarett „Die EGOs“. Und als solches manchen Satz, den die Gesellschaft erstmal verdauen muss.

Offenbach ‐ Es ist ein symbolischer Akt der Befreiung und weniger eine Modeerscheinung: Wenige Jahre vor Zerfall des deutschen Kaiserreichs weigern sich immer mehr Mädchen und Frauen, das Korsett zu tragen, was in kurzer Zeit zum Aussterben dieses Kleidungsstücks führt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Weitaus schwieriger als die Befreiung der weiblichen Anatomie gestaltet sich dagegen die Loslösung von Jahrhunderte alter Deklassierung und das Erkämpfen der Rechte, die für das körperlich stärkere Geschlecht schon immer selbstverständlich waren.

Vieles hat sich in den vergangenen 100 Jahren seit dem ersten internationalen Frauentag am 19. März 1911 gebessert. Aber für manches kämpfen die Frauen immer noch wie am ersten Tag. Bei der vom Frauenbüro der Stadt organisierten Festveranstaltung zum 100. Gedenktag „Nein, es ist nicht Muttertag“ gibt es keine Entwarnung oder solidarisches Zurücklehnen.

Heute wie damals sind Dauerbrenner wie etwa die Lohngerechtigkeit immer noch nicht erreicht. „Es ist ein gesellschaftlicher Skandal, dass Deutschland mit im Durchschnitt 23 Prozent weniger Einkommen für weibliche Beschäftigte das Schlusslicht in Europa ist“, empört sich Bürgermeisterin Birgit Simon in ihrer Begrüßungsansprache. Sie berichtet von einem im Februar erschienenen Zeitungsartikel, in dem ein Journalist die erste Begegnung zwischen Brasiliens neuer Staatschefin Dilma Rousseff und der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner beschreibt. Was ja spätestens seit Angela Merkel auch für Deutsche eine Selbstverständlichkeit sein sollte – Frauenquote in Führungspositionen hin oder her –, wird vom Autor als Gelegenheit genutzt, das weibliche Geschlecht wie in eigentlich längst vergangen geglaubten Zeiten zu verspotten. Da ist davon die Rede, dass die beiden Damen „immerhin auch ein Small-Talk-Thema gefunden“ hätten, „das Leerlaufmomente im Protokoll der Gipfelbegegnungen überwinden hilft: die Mode“.

Auch die kommunale Frauenbeauftragte Karin Dörr sieht keinen Anlass, die rosarote Brille wieder aufzusetzen. Ziel der Veranstaltung ist es dennoch nicht, zu klagen, sondern auch im scheinbar vollends aufgeklärten 21. Jahrhundert nicht müde zu werden, das Erfolgsmodell Frauenbewegung fortzusetzen. Das heißt unter anderem, jenen nachzufolgen, die die Stadtälteste (und am 8. März geborene) Frauenrechtlerin Lore Ringwald für ein Porträt ausgewählt hat.

Frieda Rudolph, Julie Heräus, Margarethe Steinhäuser, Christine Kempf, Else Herrmann, Änne Salzmann, Elisabeth Maas und Anneliese Holthaus sind allesamt verstorbene Offenbacher Persönlichkeiten, die sich im Lauf ihres Lebens für die sozialen Belange von Frauen, Kindern und älteren Menschen verdient gemacht haben. Ihre Lebensläufe werden von acht Damen vorgetragen. Ebenfalls acht Gewerkschafterinnen verlesen vor den zirka 180 Besucherinnen die mehr als 100- jährige Geschichte der Frauenbewegung.

Doris Breidenbach, Britta Bran dau, Emma Gros, Elke Kreiss, Heike Hübinger, Brigitte Bach-Grass, Zahra Shirin und Heike Skrzipczyk spannen den Bogen vom ersten Höhepunkt in den 1890er Jahren über Meilensteine wie die Erlangung des Stimmrechts in Deutschland 1918 und das Verlorengehen fast aller erstrittenen Rechte in der NS-Zeit bis zur Gegenwart, in der das Verwehren von Karrierechancen in der Arbeitswelt in politische Korrektheit und wohlwollende Worte verpackt ist.

Fazit von Karin Dörr: „Das Erbe des Faschismus ist uns deutschen Frauen als etwas ganz besonders Nachteiliges geblieben, weswegen wir anderen Ländern immer noch hinterher hinken.“

Allerhöchste Zeit, zum lustig-selbstironischen Teil des Abends überzugehen. Das Dreier-Kabarett „Die EGOs“ nimmt alles aufs Korn, was sich auf dem Küchentisch finden lässt: Familie, Gesundheit, Politik und vor allem sich selbst. Und erntet begeisterten Beifall.

Daran anschließend: Die 15 Frau starke Perkussions-Gruppe Kobanga bildet den musikalischen Abschluss des rundum gelungenen Abends.

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