Supermarkt statt Superstar

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Keine Scheu vorm Schmirgeln, Bohren und Löten: Ka-Wai (16) und Rina (14), beide Bach-Schülerinnen, in der Metallwerkstatt.

Offenbach ‐ Nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann wieder einer so macht wie Mark Medlock. Babbeln, singen, gewinnen. Würden aber alle Jungs, die diesen Berufswunsch hegen, wirklich Superstars, müsste ganz Offenbach zur Bühne umgebaut werden. Von Barbara Hoven

„Sicher ist, dass Jugendliche heute besser wissen, wie man sich für ein Casting vorbereitet, als sie sich mit der Berufsorientierung auskennen“, sagt Bürgermeisterin Birgit Simon. Das Problem sei ein Jahrzehnte altes: Ein Großteil der Jugendlichen konzentriere sich auf wenige Berufe. Jungs fühlen sich zum Automechaniker berufen, Mädchen wollen Kosmetikerin werden. Aber selbst diese Ansprüche und die Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander.

Darum richtet sich ein neues städtisches Projekt zur Berufsorientierung an Achtklässler von Haupt-, Real-, Gesamt- und Förderschulen. An die also, die doppelt gekniffen sind: weil viele einen Hauptschulabschluss machen, der oft ins berufliche Nichts führt; weil sie sich viel früher als Abiturienten entscheiden müssen, was sie mit ihrem Leben anstellen wollen.

Zwei Wochen, sechs Berufsfelder

Gastgeber der „Job-Rallye“ ist die Gemeinnützige Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft (GOAB). Die ist an der Mühlheimer Straße zuhause, wenige hundert Meter von dort, wo Medlock aufwuchs. Die Lohwald-Siedlung gibt es längst nicht mehr. Aber das Problem unterqualifizierter, unentschlossener Jugendlicher ist noch da. Im vergangenen Jahr ergab eine Befragung, dass sich nur jeder zweite Offenbacher Schüler ausreichend über Berufe informiert fühlt; nur jeder zehnte befragte Zehntklässler hatte drei Monate vorm Ende der Schulzeit einen Ausbildungsplatz.

Der Clou der „Job-Rallye“: Im Gegensatz zum üblichen Betriebspraktikum können die Jugendlichen bei der GOAB in nur zwei Wochen kompakt in gleich sechs Berufsfelder reinschnuppern – von Metallbearbeitung über Zweiradtechnik bis zum Friseur. Anderthalb Tage sind pro „Mini-Azubi“ und Station vorgesehen, „der komplette Durchlauf ist für alle Pflicht“, betont Prokuristin Gudrun Reinhart. Kein Junge dürfe sich vor der Kosmetik drücken, kein Mädchen vor Werkzeugen. GOAB-Azubis stehen ihnen als „Paten mit Brückenfunktion“ zur Seite.

„Überrascht, wie viele Jobs die mir bieten.“

250 Schüler sind in diesem Jahr fürs Projekt vorgesehen. Jeder bewertet sich selbst auf Stimmungsbögen, die Betreuer füllen Kompetenzprofile aus. Am Ende wird ausgewertet. „Selbst- und Fremdeinschätzung sind nicht immer deckungsgleich“, berichtet Reinhart von der abgeschlossenen ersten Runde mit der Schillerschule. „Ziel ist, den Nachwuchs durch gewecktes Jobinteresse zum guten Schulabschluss zu motivieren.“ 300 Euro pro Schüler zahlt der Bund, das Land 150, die Kommune gibt 2011 einmalig 4000 Euro dazu.

Bei Geschwister-Scholl-Schüler Simone Bonanno hat es sich gelohnt. Gestern, es ist sein vorletzter Projekttag, schwärmt er: „Auf jeden Fall ist die GOAB besser, als im Supermarkt Regale einzuräumen. Ich bin überrascht, wie viele Jobs die mir bieten.“

Überrascht ist man indes auch bei der GOAB. Und zwar über den Alarmruf der Linken, die jüngst öffentlich vermuteten, die GOAB kämpfe nach der vom Bund verordneten Kürzung der Fördermittel für die Eingliederung Erwerbsloser ums Überleben. „Ja, es gibt deutliche Einschnitte, die Zeiten sind für uns sehr schwer“, sagt Reinhart. Auf gut zwei Drittel der knapp 300 Ein-Euro-Jobber, die 2010 etwa im Recyclingzentrum arbeiteten, müsse man wohl verzichten. „Aber zu behaupten, dass wir vor dem Aus stehen, ist quatsch.“

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