Aus Josef wird ein Hirte

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Ingrid Arnold schiebt das Töpfergut in den vorgeheizten Ofen. Der musste dafür neun Stunden vorglühen.

Offenbach - Mit viel Fingerspitzengefühl und höchster Konzentration arbeitet Christa Severins an der Tonfigur, aus der bis spätestens zum Töpfermarkt am kommenden Freitag ein Engel entstehen soll. Von Bettina Link

Noch ein paar Minuten vorher war Geklimper von Kaffegeschirr und eine angeregte Unterhaltung aus dem Raum nebenan zu hören.

Doch sobald sich die 15 Damen und die zwei Herren nach dem gemeinsamen Kaffetrinken an die Arbeit machen, verbreitet sich eine rege Betriebsamkeit in der „Weihnachtstöpferei“ der evangelischen Lauterborngemeinde. Es gibt viel zu tun bis zu dem Adventsbasar, den die Gruppe in den Räumen der Gemeinde organisiert.

„Jeder gestaltet aus Ton eigentlich das, was er möchte“, erzählt Leiterin Ingrid Arnold. „In der Weihnachtszeit arbeiten aber alle an Schneemännern, Glocken und Herzen, die wir dann auf unserem Basar verkaufen.“

Der Prozess, bis eine Figur komplett fertig ist, dauert lange: Nach der ersten Bearbeitung muss der Ton trocknen, dann wird er noch einmal bearbeitet bevor er schließlich im Ofen, der bis zu neun Stunden vorheizen muss, gebrannt und mit Farbe überzogen wird. „An manchen Tonfiguren arbeiten wir über ein halbes Jahr“, erzählt Ingrid Arnold. Daher fangen einige in der Töpfergruppe schon im April mit der Weihnachtsproduktion an.

Ein ganzes Jahr Weihnachten –dagegen haben Ingrid Arnold und ihre Gruppe nichts einzuwenden, denn meistens hätten sie erst nach dem Adventsbasar die besten Ideen. Da entstehe manches sogar schon im Januar für den kommenden Adventsbasar.

Seit 29 Jahren trifft sich die Töpfergruppe donnerstags zum gemeinsamen Arbeiten. Von nachmittags bis in die späten Abendstunden formen, brennen und bemalen sie Tonfiguren.

„Gerne würden wir uns öfter treffen, aber uns werden die Räume leider nicht zur Verfügung gestellt“, bedauert Ingrid Arnold. Die Räume müssen für die Hausaufgabenbetreuung der Gemeinde freigehalten werden. „Letztendlich werden sie doch nicht genutzt und wir, die gerne rein würden, dürfen nicht“, beklagt die Leiterin die Organisation der Gemeinde. Dass sie nicht häufiger zusammen töpfern können, sei vor allem in der Vorweihnachtszeit schwierig, da sie in der Zeit ihr handwerkliches Schaffen intensivieren müssten.

„Wir haben schon einen Ruf mit unserem Töpfermarkt und die Nachfrage ist groß“, erzählt Christine Harf, die an einer Krippe mit Josef und Maria arbeitet. „Aus Josef wird wohl doch ein Hirte, da er ein bisschen zu klein ist“, sagt Harf. „Alles, was wir machen, ist Handarbeit und jede Plastik ist individuell. Wenn eine Figur nicht so aussieht, wie sie soll, gestalten wir sie um – das geht manchmal bis zur Geschlechtsumwandlung“, wie Ingrid Arnold erzählt.

Kommt die Sprache auf den bevorstehenden Verkauf der Kirche, kippt die Stimmung sichtlich. „Wir wissen nicht, wie es dann weitergehen soll. Das müssen wir nach dem Basar entscheiden“, sagt die Leiterin. Fest stehe aber, dass die Gruppe bis zu ihrem 30. Geburtstag im kommenden April weitermache.

Auf den Basar freuen sich die Mitglieder der Töpfergruppe trotzdem. Der Verkauf beginnt um 15 Uhr mit Kaffee und Kuchen. Der Erlös des weihnachtlichen Marktes kommt den Clown- Doktoren zugute.

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