Bis zum Jüngsten Gericht

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In gemauerten Totenstätten wie diesen, oft mit mehreren Grabstellen, setzen Roma- und Sinti-Familien ihre Angehörigen bei. Vor einigen Jahren legte die Stadt für Gruft-Bestattungen ein separates Gräberfeld auf dem Neuen Friedhof an.

Offenbach - Vielfältig. Mit diesem Attribut schmücken bevorzugt Amtsträger ihre Stadt. Aber die Vielfalt hat Grenzen, gerade wenn’s um die Pietät geht. Von Martin Kuhn

Da die Bestattungskulturen beinahe so unterschiedlich sind wie die Kulturkreise, die am Main zusammenleben, gibt es mitunter Ärger. Den versucht die Stadt zu verhindern; mit Erfolg, sagt Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP). Die oppositionellen Christdemokraten sind da weniger optimistisch und haben eine umfangreiche Anfrage an den Magistrat gestellt zur „Bereitstellung von Grüften“.

Es ist interessant zu registrieren, wie sich sowohl CDU als auch Magistrat bemühen, die Gruft-Diskussion nicht mit Sinti und Roma, einer ursprünglich vom indischen Subkontinent stammenden Bevölkerungsgruppe, in Verbindung zu bringen; stets ist von „Personen oder Bevölkerungsgruppen“ die Rede, „die hauptsächlich solche Bestattungsformen nachfragen“. Die Vorbehalte gründen sich wohl überwiegend auf die Geschehnisse rund um eine Beisetzung der Familie Goman auf dem Neuen Friedhof; unsere Zeitung berichtet im Mai 2000 von Pöbeleien, Trinkgelagen, Polizeieinsatz, Müllbergen.

Schon einmal auffällig geworden

Heute, sagt Paul-Gerhard Weiß, werde eine Beerdigung mit Familien, „die schon einmal auffällig geworden sind“, intensiv vorbereitet. Dies kann durchaus eine Kaution einschließen, die zu hinterlegen ist. „Das funktioniert gut. Seitdem haben wir die Sache im Griff.“ Eine Änderung der gängigen Praxis und somit eine Untersagung von Gruftbeisetzungen sei nicht möglich. Das habe ein Rechtsgutachten ergeben, das der Stadtbetrieb ESO in Auftrag gegeben habe. Es ist grundlegend liberale Haltung: Angehörige aller Ethnien und Religionen haben den Anspruch, die Toten nach ihren Vorstellungen beizusetzen. Das entspreche dem Grundverständnis des Magistrats.

Dass da unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen, ist der Friedhofsverwaltung bewusst. Auf dem zentralen Gottesacker an der Mühlheimer Straße ist daher seit vier Jahren ein separates Gräberfeld ausgewiesen. Hinter dem jüdischen Teil ist Platz für 23 kleinere Grüfte. Die Nachfrage ist überschaubar. Für 2009 und 2010 ist jeweils eine Beisetzung in einer neuen Gruft registriert, im vergangenen Jahr zwei in bereits bestehenden Grüften. Der CDU, die eine Art Bestattungs-Tourismus fürchtet, widerspricht der liberale Stadtrat: „Nur Offenbacher Bürger haben Anspruch, ein Nutzungsrecht zu erwerben.“

Was zeichnet eine Gruft überhaupt aus?

Was aber zeichnet eine Gruft überhaupt aus? Weiß: „Nach den zu Grunde liegenden Glaubensvorstellungen jener Christen, die diese Bestattungsform wünschen, ermöglicht sie die unversehrte Lagerung des Verstorbenen bis zum Jüngsten Gericht. Hierbei soll dieser nicht mit Erde in Berührung kommen.“ Das hat seinen Preis: 11.000 Euro Gebühren sind in Offenbach für eine Gruft fällig. Zum Vergleich: In Frankfurt sind es 8000 Euro. Und einen kapellenähnlichen Aufbau, der dort im vergangenen Jahr für teils hitzige Diskussionen sorgte, unterbindet die Offenbacher Satzung.

Die mainischen Nachbarn stehen mit ihrer Praxis übrigens nicht allein. Gruftbestattungen gibt es in vielen Teilen der Republik – etwa in Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Speyer, aber auch in der Kreisstadt Dietzenbach. Weiß: „Es ist also nicht notwendig, wegen einer Gruftbestattung extra nach Offenbach zu ziehen.“

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