Interview mit Jürgen Eichenauer

„Viele Halter sparen eher bei sich als beim Hund“

+
Jürgen Eichenauer

Offenbach - Er ist eine prägende Persönlichkeit der Stadt im Tierschutz: Jürgen Eichenauer. Seit 2007 ist der 53-Jährige Mitglied Mitglied im Offenbacher Tierschutzverein, der das hiesige Tierheim betreibt, ist seit 2009 im Vorstand und Vorsitzender seit 2013.

Jüngst machte er von sich reden, weil es seinem enormen Einsatz zu verdanken ist, dass die geplante Besteuerung von 300 Euro im Jahr für sogenannte Listenhunde vom Stadtparlament wieder verworfen wurde. Mit ihm sprach Veronika Schade.

Herr Eichenauer, Sie haben sich vehement gegen die Listenhunde-Steuer eingesetzt. Was hätte ihre Einführung bedeutet?

Es ist Unsinn, dass aufgrund rassenabhängiger Hundegesetze und unterschiedlicher Landeslisten ein Kangal in Hessen oder ein Dobermann in Brandenburg gefährlicher sein soll als in anderen Bundesländern. Ich habe mich als Vorstand des Tierschutzvereins gemeinsam mit dem Verein Soka Run aber auch gegen diese Steuererhöhung gestellt, da hier etwa 160 Offenbacher Hundehalter als willkommene Einnahmequelle genutzt werden sollten, die sie sich für „besondere Hunde“ und eine „besondere Verantwortung“ entschieden haben.

Die Erhöhung auf dem Rücken weniger Steuerzahler, hätte bedeutet, dass für uns kaum vermittelbare Listenhunde im Tierheim gelandet wären. Vorhandene Tiere wären in Offenbach nicht mehr vermittelbar gewesen und damit dauerhaft in Tierheimen unterzubringen. Es geht um gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle Halter.

Bei der Zweithundesteuer waren Sie weniger erfolgreich. Die Verdoppelung des Steuersatzes für den Zweithund von 90 auf 180 Euro jährlich wurde beschlossen. Wo liegen die Probleme? Fürchten Sie, dass jemand seinen zweiten Hund wegen 90 Euro Mehrkosten nicht behält?

Ich kenne einige, oft ältere, Mitbürger die derzeit zwei kleine Hunde halten. Diese haben dafür bisher zusammen 165 Euro gezahlt und müssen nun 270 Euro zahlen. Die Hunde sind insbesondere für ältere oder alleinstehende Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens, zu dessen Gunsten sie eher bei sich selbst sparen als beim Tier. Ich hoffe nicht, dass jemand gezwungen sein wird, ein Tier wegen der Mehrkosten abzugeben. Ich fürchte aber, dass zum Beispiel auf den regelmäßigen Tierarztbesuch verzichtet wird, um mit dem Budget zurechtzukommen.

Diesen Beschluss begrüßen Sie sicher: Hunde, die aus dem Offenbacher Tierheim geholt wurden, sind im Jahr des Erwerbs und dem darauffolgenden Kalenderjahr von der Steuer befreit. Erwarten Sie dadurch eine höhere Nachfrage nach Hunden aus dem Tierheim?

Die zeitweise Steuerbefreiung für Hunde aus Tierheimen ist in vielen Kommunen schon seit Jahren üblich und wurde vom Tierschutzverein seit Jahren gefordert. Ich freue mich sehr, dass damit der Weg für potentielle Halter ins Offenbacher Tierheim etwas attraktiver gemacht wird und hoffe, dass dadurch ein paar unserer Langzeitgäste ein neues Zuhause finden.

Apropos Langzeitgäste: 600 Tiere betreut das Offenbacher Tierheim im Jahr, nur 400 werden vermittelt. Welche Tiere sind besonders schwer vermittelbar?

Von den Fundtieren werden außerdem etwa 100 pro Jahr wieder von den Eigentümern abgeholt, aber im Jahresdurchschnitt sind täglich 100 Tiere – von der Zwergmaus bis zur Dogge – zu versorgen. Derzeit sind von den 16 Hunden acht Langzeitgäste seit über einem Jahr bei uns. Die meisten brauchen erfahrene Halter, die souverän mit ihnen umgehen.

Welthundetag: Bilder unserer Leser

Welthundetag: Bilder unserer Leser (Teil 2)

Kranke und alte Tierheimbewohner verursachen hohe Kosten für Futter, Tierarzt usw. Wie sieht Ihre Finanzlage aus?

Der Tierschutzverein hat in jedem Jahr eine finanzielle Lücke, die durch Spenden, Patenschaften sowie gelegentliche Vermächtnisse in Todesfällen ausgeglichen werden muss. Die Stadt leistet den größten Beitrag zur Fixkostendeckung durch die Bereitstellung der Tierheimleiterin und Zahlung eines Tagessatzes bei behördlichen Sicherstellungen und den ersten vier Wochen einer Fundtierunterbringung. Die Einnahmen aus Tiervermittlung und die zeitweise Aufnahme von Pensionstieren haben 2014 den Verlust auf 4000 Euro reduziert, die aus Rücklagen gedeckt werden konnten. 2015 wird es deutlich kritischer, da bereits im ersten Quartal rund 20.000 Euro in übersprungsichere Zäune unserer Freiläufe investiert werden mussten. Wir sind dringend auf Spenden angewiesen.

Ihr Herzensprojekt ist ein Tierfriedhof in Offenbach. Warum? Seit wann hegen Sie diese Pläne, wie konkret sind sie bereits?

Seit Jahren werden wir immer wieder gefragt, welche Möglichkeiten der Tierbestattung in Offenbach vorhanden sind. Für viele Tierhalter ist der Gedanke, das geliebte Haustier in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt zu entsorgen, unerträglich. Das Thema wurde bereits 2009 in der Stadtpolitik diskutiert und letztlich wegen der Standortfrage und hoher Anlaufkosten nicht weiter verfolgt. Wir haben der Stadt im Januar 2014 einen konkreten Vorschlag zur Umsetzung eines Tierfriedhofs neben bereits genutzten Teilen des Bürgeler Friedhofs gemacht, der dank vorhandener Infrastruktur den Haushalt nicht belastet hätte. Darüber wurde im Mai 2014 in der Stadtverordnetenversammlung beraten und seitdem untersucht die Stadtverwaltung mögliche Optionen. Ob Standorte gefunden wurden, die von der Erreichbarkeit, Wirtschaftlichkeit und einer zeitnahen Umsetzung besser geeignet sind als unser Vorschlag, werden wir, hoffe ich, in diesem Jahr in der politischen Diskussion erfahren.

Kommentare