Jugend braucht Perspektive

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Ein Blick in die Küche: Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr stattete unter anderem dem Ausbildungsrestaurant Ina einen Besuch ab. Koch Dirk Hoeffler und Auszubildende Lisa Krayl berichteten aus ihrem Alltag.

Offenbach ‐  Kein Geld, kein Job, kein Mann, zwei kleine Kinder. Das Muster verbindet nahezu alle Frauen, um die sich Sozialarbeiterin Nikoleta Kouklinou im Gelben Haus kümmert. Von Stefan Mangold

Aber mitunter sind die Mütter froh, wenn der Vater abtaucht: „Prügelnde Männer sind keine Seltenheit“, heißt es in der Marienstraße. Zum Joseftag besuchte Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr die Einrichtung, die sich nicht nur um allein erziehende Mütter kümmert.

Der Kirchenmann hört die beispielhafte Geschichte einer Marokkanerin, die sich vom schlagenden Mann schließlich trennte. Immerhin akzeptiert der ehemalige Gatte die Trennung. Den Kontakt zu seinen Töchtern brach er jedoch ab. Unterhalt fließt keiner. Anders und dennoch schwierig gestaltet sich die Lage einer deutschen Mutter. Mit drei Kindern steht sie allein. Der Vater fällt wegen seiner Alkoholsucht für Belange des Alltags aus. Ziel von Nikoleta Kouklinou oder Deutschlehrerin Gisela Schlüter ist es, die jungen Frauen durch Kurse und Gespräche in die Lage zu bringen, eine Ausbildung zu absolvieren oder einen Schulabschluss zu schaffen. Die Mütter seien sowieso bei der Arbeitssuche gehandikapt.

„Sie helfen uns, ohne Hintergedanken“

Nach dem Bildungsbericht der Stadt Offenbach verlassen jährlich bis zu einem Viertel eines Jahrgangs die Hauptschule ohne Abschluss. Für sie ist das Gelbe Haus, getragen von der Initiative Arbeit des Bistums Mainz, eine Anlaufstelle. Dort will etwa der junge handwerklich versierte Benjamin nach seinem Praktikum in der hauseigenen Schreinerei unbedingt den Hauptschulabschluss nachholen. Sein Ziel ist es, eine Lehre als Automechaniker anzufangen und auch zu beenden.

„Es muss möglich sein, das Elend hinter sich zu lassen,“ sagt Markus Hansen, Geschäftsführer der Initiative Arbeit, „gleich ob jemand Schuld hat oder nicht.“ Der Weihbischof erzählt von einem Gespräch mit einer jungen Frau, die ihm gesagt habe, „sie helfen uns, ohne Hintergedanken.“ Und Neymeyr betont: „Es geht niemandem darum, die sozial Benachteiligten zu missionieren.“ Er ist an diesem Morgen nicht allein unterwegs. Die Situation der Benachteiligten geht alle an.

Besuch bei „Ina“

So bemängelt die lokale Landtagsabgeordnete Heike Habermann (SPD) ebenso wie Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) die Kürzung der Gelder für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen von 16 auf 13 Millionen Euro in Folge der Aufgabenübertragung des Bundes an das Land. Es sei fahrlässig, einem Jugendlichen nach drei Monaten in einer Maßnahme den Laufpass zu geben, „weil kein Geld mehr da ist,“ so Habermann. Die Fokussierung auf den ersten Arbeitsmarkt liefe an den Bedürfnissen Offenbachs vorbei, fügt Simon im Kolpinghaus hinzu. Dort besichtigte der Weihbischof später das Restaurant „Ina“ an der Luisenstraße, wo sich augenblicklich sieben Jugendliche als Köche oder Fachkräfte im Gastgewerbe ausbilden lassen.

Im Kolpinghaus selbst wohnen junge Menschen unter 25 Jahren, die an Maßnahmen der GOAB teilnehmen und sonst nirgends unter kommen. Die Situation im Haus nach 22 Uhr, wenn niemand mehr aufpasst, wollen Winfried Straube (Geschäftsführer) und Eberhard Wernig (Vorsitzender) nicht schön reden. Eine Aufsicht wäre nötig, aber das Geld dafür fehlt. Die Kosten für Schäden durch Vandalismus und Einbrüche beliefen sich auf fünfstellige Beträge. Drogen- und massiver Alkoholkonsum seien leider Alltag. Man erinnert sich vielleicht gerne zurück an Zeiten, als hauptsächlich Handwerker auf der Walz im Offenbacher Kolpinghaus Quartier bezogen.

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