Stress am roten Stuhlkreis

Jugendliche grölen, pöbeln und provozieren rund um Aliceplatz

Offenbach - An milden Nachmittagen treffen sich Dutzende Jugendliche auf dem Aliceplatz. Das wäre kein Problem. Aber sie grölen, pöbeln, provozieren. Das vergrault die Kundschaft der umliegenden Läden. Deren Betreiber sind wütend, glauben aber auch zu wissen, wie einfach das Problem zu lösen wäre: Weg mit den roten Sesseln! Von Sarah Neder 

Sauer ist er, sagt Islamir Serif, der Besitzer des Café Veres. Auf die Halbstarken vor der Tür, die seine Gäste stören, sie mit dem Ball abschießen und böse Schimpfwörter wie „Arsch“ oder „Schlampe“ über den ganzen Platz schreien, erzählt der gebürtige Mazedonier verärgert. Dann hält er kurz inne, verabschiedet zwei ältere Damen. „Auf Wiedersehen“, sagt er überaus freundlich. Seine Kunden sind ihm heilig. Darum ist er ja so stinksauer.

So sauer, dass er sie am liebsten wegbringen, einsperren und nie wieder raus lassen würde – die roten Sessel am Aliceplatz. Denn glaubt man dem wütenden Mann, sind sie die Ursache für den Ärger vorm Einkaufszentrum KOMM. Jeden Nachmittag, so gegen 17 Uhr und wenn das Wetter gut ist, berichtet Kioskbetreiber Roland Krupkart, wird der Aliceplatz zum Treffpunkt für etliche Teenager-Cliquen, die die roten Plastikmöbel belagern. „Die haben einfach kein Benehmen“, sagt er und meint damit: Viele sind laut und frech. Geballte Pubertät auf wenigen Quadratmetern. Man zeigt sich, beweist sich, schaukelt sich hoch.

Manche nutzen das Pflaster zwischen dem Einkaufszentrum und seinem gläsernem Wasserhäuschen als Bolzplatz, schildert Krupkat. Die anderen sitzen am Rand und schauen zu. Nicht selten fliegt dann ein Ball auf die Terrassengäste des Café Veres oder des benachbarten Thai-Imbisses. Manchmal aus Versehen. Öfter mit Absicht, weiß Islamir Serif. „Die Jungs kicken den Ball auf die Leute, schießen die Kaffeetassen um. Meine Kunden fühlen sich belästigt und gehen.“

Vor lauter Wut würde der Cafébesitzer sich am liebsten jeden Störenfried einzeln vorknöpfen. Doch das hilft nichts, weiß Tochter Ramona. „Wenn wir uns beschweren, rächen die sich an uns, zündeln und ritzen unsere Tische kaputt.“ Ramona hat Angst, dass auch ihr etwas passiert. Wenn sie abends zuschließt und zum Auto geht. Wenn sie allein ist und die anderen viele sind.

„Da drohte mir einer mit der Faust“

Monika Krupkat hat das schon erlebt, wovor sich Serifs Tochter fürchtet. Eines Abends hat sie vergessen, die Zeitungsauslage abzuschließen, und beobachtet, wie sich einige junge Männer an den Magazinen bedienten. „Ich bin hin und habe gesagt, dass sie das lassen sollen. Da drohte mir einer mit der Faust, ich hätte meinen Rand zu halten“, erinnert sich die Kiosk-Chefin. Und die Wut ist wieder da.

Auch Peter Reinelt, Filialleiter des M.-Schneider-City-Outlets nebenan ist wütend: „Da wird getrunken, geraucht, die machen Lärm. Das stört doch die anderen“, fasst er das, was er „Riesen-Ärgernis“ nennt, zusammen. Und auch er meint, die roten Stühle müssten weg – dann blieben auch die täglichen Gelage aus.

Von Ostern bis Oktober stehen die 45 blutroten Designmöbel auf dem Aliceplatz. Jeden Abend um 20 Uhr schließt sie der Sicherheitsdienst vom KOMM weg. Morgens stellt er sie wieder raus. Das geht so seit zirka vier Jahren. Damals hat die Stadt die Sitzgelegenheiten dort hingestellt, um den Platz attraktiver zu machen. Stattdessen, so glauben die Geschäftsleute, hat sie damit das Gegenteil erreicht, den Alice- zum Problemplatz gemacht.

Doch der tägliche Rabatz ist bisher nicht zu den Verantwortlichen der Stadt vorgedrungen. Das Ordnungsamt hat bis auf zwei Einsätze der Stadtpolizei keine ungewöhnlichen Vorkommnisse am Aliceplatz bemerkt. Auch die Polizei sieht in dem Gelände vorm KOMM keinen Brennpunkt, zu dem die Beamten besonders oft ausrücken müssten.

Die kuriosesten Gesetze aus aller Welt

Wer sich aber Zeit nimmt, und mal eine Stunde dort verweilt, der beobachtet so manches, das in der Grauzone irgendwo zwischen pubertärem Gehabe und der Nötigung anderer Menschen liegt: Zwei ungefähr 16-Jährige kicken sich leere Dosen zu, das Metall scheppert über den Asphalt. Mädchen aus einer Gruppe ärgern einander, rennen weg, schreien, buhlen um die Aufmerksamkeit der Jungs. Die wiederum balzen, was das Zeug hält, schubsen sich, die Fäuste fliegen. Immer wieder rennen ein paar Aufmüpfige in die Läden rein und wieder raus.

Das sind keine Straftaten, keine zwingenden Gründe, die Polizei zu rufen. Aber es stört die Cafégäste und lädt nicht zum Verweilen ein. Die einzige und langfristige Lösung dieses Problems, meinen die Geschäftsleute, wäre es eben, die störenden Stühle nicht mehr aufzustellen. „Wenn sie nicht da sind, hängen dort auch weniger Leute ab“, schildert Islamir Serif seine Beobachtungen. Und fragt man die Jugendlichen selbst, weshalb sie überhaupt an den Aliceplatz kommen, ist die Antwort oft die gleiche. So sagt ein blondes Mädchen, das auf einem der roten Sessel sitzt: „Wir sind eigentlich nur wegen der Stühle hier.“

Rubriklistenbild: © Georg

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