Blick fürs gewisse Etwas

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Zierliche Figur, roter Kussmund, eigenwilliger Kleidungsstil: Julia Ziegler ist irgendwie Paris - hier ein Selbstporträt.

Offenbach - Alles an ihr ist ein wenig Paris. Der Haarschnitt. Der Look. Vor allem der Blick für das gewisse Etwas, das von ihren Fotografien ausgeht. Von Katharina Skalli

Julia Katharina Ziegler hat ein Jahr in der Hauptstadt Frankreichs gelebt und einen Teil ihres Flairs eingefangen und mitgebracht. Als Modefotografin spielt die Stadt für sie eine wichtige Rolle. Außer Paris gibt es noch London und New York. Und Offenbach. Zumindest im Moment, denn dort hat die Fotografin studiert.

Was sie an der Hochschule für Gestaltung (HfG) gelernt hat, nimmt sie mit in die Modemetropolen der Welt. Irgendwann. Gerade stellt sie mit Kommilitonen im Sheraton Teile ihrer Arbeit „Offenbach Beauties“ aus. Die Fotografien gehören zur Ausstellung „gout“, die mittlerweile zum siebten Mal in den Räumen des Hotels stattfindet und jungen Talenten Gelegenheit bietet, ihre Kunst zu präsentieren. Zentrales Thema in diesem Jahr ist die Stadt Offenbach „in all ihren Facetten“.

Serie „Offenbach Beauties“

Julia Katharina Ziegler hat für die Serie „Offenbach Beauties“ junge Frauen in der Fußgängerzone angesprochen und zum Shooting eingeladen. Die Mädchen, die ein wenig streng von der Wand auf die Hotelgäste blicken, tragen Ohrringe und Piercings. Die meisten haben ausgiebig in ihr Make-up-Mäppchen gegriffen und sich offensichtlich Gedanken gemacht, wie sie sich vor der Kamera präsentieren wollen. Julia Katharina Ziegler wollte die Offenbacherinnen genau so zeigen, wie sie sind. „Ihr individueller Style gehört zu ihrer Persönlichkeit“, sagt sie.

Die sechs jungen Frauen sind ihr aufgefallen, weil sie mit ihrem Aussehen aus dem „Einheitslook“ hervorstachen. Es sei bemerkenswert, wie viele Mädchen sich in Offenbach herausputzten, meint die Frankfurterin. Für sie ist Mode nicht so oberflächlich wie es für viele auf den ersten Blick scheint. Auch da gehe es letztlich um den Menschen, der sie trägt. „Kleidung ist ein Kommunikationsmittel. Durch unseren Stil signalisieren wir, wer wir sind oder wer wir sein möchten, lange bevor wir ein einziges Wort gesagt haben.“ Um diesen Aspekt geht es auch bei den „Offenbach Beauties“.

Schönheit eines Menschen

Obwohl die 29-Jährige in vielen ihrer Bilder die Schönheit eines Menschen zeigt, will sie, dass die Motive noch mehr verraten. „Ich möchte die ganze Person wahrnehmen“, sagt sie. Respekt ist ihr wichtig. Egal ob es um ein professionelles Model geht oder um die Mädchen aus der Fußgängerzone. Sie will mehr zeigen als eine Hülle. Will hinter die Fassade blicken, den Moment einfangen, der ein wenig von dem preisgibt, was die Person ausmacht, die sich vor ihrer Kamera bewegt.

Der Frankfurterin geht es in ihrer Fotografie immer um Menschen. „Häuserecken interessieren mich nicht“, betont sie. Die Menschen, die sie ablichtet, sollen nichts vorspielen, sondern sich in ein Gefühl hineinbegeben und zeigen, wie es sich anfühlt. „Loslassen gehört dazu“, findet sie. „Empathie ist wichtig, um eine gute Fotografin zu sein“, glaubt die Tochter eines Architekten und einer Psychologin.

Julia Katharina Ziegler hat während des Studiums an der HfG, aber auch während ihrer Zeit als Assistentin bei Fotografen gelernt, Motive auszuleuchten und die Kamera für ihre Zwecke zu nutzen. Aber auch wie man die Psychologie einsetzt, damit die Personen vor der Linse das zeigen, was später zu sehen sein soll. „Wenn etwas nur schön ist, ist es langweilig“, meint sie. Bilder bräuchten Brüche.

Die selbstständige Fotografin

Die selbstständige Fotografin hat sich auf Modefotografie und Künstlerporträts spezialisiert. Sie fotografiert regelmäßig die DJs, die im Offenbacher Club „Robert Johnson“ auftreten, und entwickelt mit einer Partnerin Fotografie-Konzepte für Firmen und Agenturen. Fotografie ist für sie nicht nur ein Beruf. „Als Fotograf ist man immer und überall Fotograf“, weiß sie. Ihre Kamera ist stets dabei. In ihrer Tasche wartet die kleine Canon auf Details, die Julia Katharina Ziegler festhalten möchte. Den Regenbogen zwischen den Septemberwolken, die Sonnenstrahlen auf dem Küchenstuhl, Hunde beim Rumtollen.

„Ich fotografiere aus einem Gefühl heraus“, sagt sie und lächelt so, dass ihre Augen ein wenig enger werden, ohne an Wärme zu verlieren. Die Künstlerin ist ehrgeizig und professionell. Während des Studiums hat sie bereits ihre Selbstständigkeit aufgebaut. Sie weiß, was sie will. Die angewandten Arbeiten gehören ebenso dazu wie die freien, in denen sie experimentiert und die Motive auch mal weniger schön im herkömmlichen Sinn sind.

Ein Jahr lang in Paris gelebt

Ein Jahr lang hat sie in Paris gelebt. Dort, in London oder New York, gibt es die meisten Jobs für Modefotografen, erklärt sie. Sofort denkt man an große, schlanke Schönheiten, die perfekt gestylt über die Champs-Elysées stöckeln. Doch Julia Katharina Ziegler ist sich sicher: Paris ist auch anders. „Die Stadt ist ebenso eine Vielvölkerstadt wie Offenbach. Und nur auf den ersten Blick so geleckt.“ Sie will von ihrer Arbeit leben können. Dafür ginge sie zurück in die Stadt der Mode.

Ein wenig Paris ist an ihr haften geblieben. Die feinen Züge ihres Gesichts, ihre Statur erinnern an die junge Audrey Tautou. Ponyfransen fallen ihr in die Stirn. Zurückhaltende Gestik unterstreicht ihre bedachtsam gewählten Worte. Stilsicher, selbstbewusst und dennoch zurückhaltend wirkt sie. So wie man sich die Hintermänner und -frauen der glamourösen Modewelt vorstellt. Ohne sie sind sie nichts, die schönen Modelle und extravaganten Designerroben. Viele Fotos der angehenden Diplomandin zeigen dünne Mädchen in nur angedeuteter Kleidung. Alles ist irgendwie ein kleines Stück Paris. Genau wie sie selbst.

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