Juristen-Helfer ausgesperrt

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Azubi-Alarm in Offenbach: Weil zu wenige Anwälte ausbilden, sind die Berufsschulplätze für Anwalts- und Notariatsangestellte an der Theodor-Heuss-Schule in Gefahr.

Offenbach - Unsexy? Zu wenig Lohn? Nach der Ausbildung keine Chance auf dem Arbeitsmarkt? Ganz im Gegenteil. Der Beruf des Rechtsanwalts- und Notariatsangestellten hat seine Reize. Von Dirk Beutel

Insbesondere, dass man nach der Ausbildung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen festen Job in der Tasche haben wird, so zumindest prognostizieren es Experten aus Anwaltskreisen.

Es scheint, als ob sich in jüngster Zeit auffällig wenig Jugendliche für diesen Beruf interessieren. Ein Beleg dafür könnte die Zahl der Auszubildenden an der Theodor-Heuss-Schule sein: In den vergangenen drei Jahrgängen wurden insgesamt nur 20 Fachangestellte ausgebildet (wir haben berichtet). Und das, obwohl die Frankfurter Rechtsanwaltskammer etwa 350 zugelassene Anwälte in Offenbach zählt. Aber steckt tatsächlich Desinteresse der jungen Leute dahinter?

Der auf Medizinrecht spezialisierte Fachanwalt Jürgen Wahl bringt auf den Punkt, was sich wirklich auswirkt: „Es gibt zu wenig Ausbildungsplätze. Vornehmlich bilden kleine Kanzleien oder Einzelanwälte aus.“ Er legt den Finger in die Wunde: „Die großen Offenbacher Kanzleien sind bei der Ausbildung deutlich unterrepräsentiert.“ Der seit 2006 zugelassene Jurist beschäftigt zwei Azubis - eine Ausnahme.

Warum die hiesigen Kanzleien kaum Ausbildungsplätze anbieten, kann sich auch der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten, Alois Simrock, nicht so recht erklären. Der Jurist hat noch ganz andere Zeiten in Erinnerung: „Vor 15 Jahren gab es sogar noch zwei Klassen für diese Ausbildung - und das bei einer geringeren Anwaltsdichte“, sagt Simrock. Der Offenbacher Anwaltsverein, in dem er auch Mitglied ist, kümmert sich um die Interessen und fördert die Ausbildung zum Juristen-Helfer. Dort kennt man die problematische Ausbildungssituation. In einem Brief hat Simrock an die Ausbildungsbereitschaft seiner Kollegen bereits appelliert. Mindestens zehn Lehrverträge seien für das kommende Ausbildungsjahr nötig, um den Fortbestand des Fachbereichs an der Theodor-Heuss-Schule zu sichern.

Stellt sich keine Kehrtwende bei den Ausbildungsplätzen ein, könnte sich das bald rächen. Denn das Hessische Kultusministerium sieht eine Klassenstärke von mindestens 15 Auszubildenen vor. Wenn diese Zahl über einen längerfristigen Zeitraum nicht erreicht wird, könnte der Fachbereich in Offenbach geschlossen werden und die Auszubildenen müssten nach Frankfurt oder Hanau ausweichen. Dass die Verantwortlichen in Wiesbaden einen Fachbereich tatsächlich schließen, hat die Berufsschule bereits mit den Ausbildungsgängen Steuerfachangestellte und den Bankkaufleuten erlebt. „Wenn eine Klasse auffallend klein ist, fürchtet das Ministerium, dass Lehrerstunden verschwendet werden“, sagt Steffen Trach, Abteilungsleiter für kaufmännische Berufe an der Theodor-Heuss-Schule. Seit etwa zwei Jahren bewege sich der Fachbereich für Rechtsanwalts- und Notariatsangestellte an der kritischen Grenze. Ob dieses Jahr die Mindestanforderung erfüllt wird, kann Trach wegen der noch andauernden Sommerferien nicht abschätzen. Die Lage sei dennoch ernst.

Als mögliche Einflussfaktoren auf Seiten der Jugendlichen erkennt Alois Simrock den mangelnden Bekanntheitsgrad und ein falsches Image des Berufs. Dabei unterschätzen viele den Anspruch der Ausbildung, sagt Simrock. Als Rechtsanwalts- oder Notariatsangestellte arbeite man äußerst selbstständig, kümmere sich unter anderem um das Kosten- und Gebührenrecht, bearbeite die Zwangsvollstreckungen. Simrock: „Das ist nicht einfach irgendeine Gehilfenstellung.“

Da müsse schon eine gewisse Qualität an Deutsch- und Mathekenntnissen bei den Bewerbern vorhanden sein. Die guten Jobaussichten auf dem Arbeitsmarkt kann Simrock nur unterstreichen: „Einem Absolventen stehen auch Arbeitsplätze in anderen Branchen offen, wie etwa im Bereich der Bürokommunikation, bei Versicherungen im Bankenwesen oder bei Inkassobüros.“ Eine Weiterbildung zum Rechtsfachwirt sei ebenfalls möglich.

Alles schön und gut, aber nicht Kern des Problems. Bewerber gebe es genug, sagt Jürgen Wahl. Der Fachanwalt kritisiert, dass vor allem große bis mittelgroße Kanzleien lieber auf geringfügig Beschäftige als Büroangestellte zurückgreifen, anstatt Ausbildungsplätze zu schaffen. Seine beiden Lehrlinge sind ihm jedenfalls eine große Hilfe. Auch, wenn er anderthalb bis zwei Tage auf sie verzichten muss, wenn sie die Berufsschule besuchen. „Ich könnte mir vorstellen, dass dies mit ein Grund für die Ausbildungsscheu in Offenbacher Kanzleien sein könnte“, vermutet Wahl. Seine Azubis verdienen im ersten Lehrjahr etwa 500 Euro, im dritten kommen sie auf 650 Euro. Zusätzlich bezahlt Wahl ihnen Weiterbildungskurse oder Seminare bei der Anwaltskammer. Ein Engagement mit Seltenheitswert.

Dabei werden Kanzleien, die Juristen-Helfer ausbilden, vom Regierungspräsidium Kassel sogar subventioniert, wie Alois Simrock aufklärt. Der Zuschuss betrage 50 Prozent der Ausbildungsvergütung im ersten Lehrjahr und 25 Prozent im zweiten. Noch bis zum 15. November können Anwälte ihre Förderanträge abschicken, heißt es in seinem Brief. Zeit ist also noch da. Bis dahin bleibt dem Anwaltsverein lediglich besagter Aufruf an die Kanzleien, „zu prüfen, ob ein Ausbildungsplatz nicht begründet werden kann. Letztendlich sind wir auf gut ausgebildetes Fachpersonal angewiesen.“

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